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SR Archiv | Artikel in Ausgabe
Wie die Ratte im Hasenkostüm
Haruki Murakami

Mit Verschwörungstheorien schickt uns Haruki Murakami durch den Kreislauf der Komplexität. So auch in »Tanz mit dem Schafsmann« und »Untergrundkrieg«. Leander Scholz über den Tanz um die leere Mitte.

Verschwörungstheorien funktionieren in der Regel so: komplexe Zusammenhänge werden durch einen einfachen Verursacher erklärt. Allerdings operiert dieser im Verborgenen. Eine geheime Loge, ein übermächtiger Nachrichtendienst oder eine paranormale Kraft. So kommt es, dass bei näherem Hinsehen der einfache Verursacher genauso komplex ist wie der erklärte Zusammenhang. Zum Beispiel: keiner weiß, wer tatsächlich zur geheimen Loge gehört, auch die nicht, die annehmen, dass sie dazu gehören. Oder: der Nachrichtendienst, der für alles verantwortlich ist, ist in sich selbst gespalten, eine Abteilung bekämpft die andere, sogar der Chef hat keinen Überblick. Oder: selbst diejenigen, die die paranormale Kraft besitzen, wissen nicht, ob sie auf der guten oder schlechten Seite kämpfen. Auf diese Weise bilden Verschwörungstheorien die Komplexität des äußeren Zusammenhangs auf der Innenseite ihrer Erklärung ab, ohne tatsächlich etwas zu erklären. Auf den ersten Blick scheint das eine Hilflosigkeit zu artikulieren. Denkt man die Verschwörung jedoch konsequent zu Ende, hat man den Kreislauf der Komplexität einmal durchlaufen. Zwar hat man keine Antwort, aber alle Bausteine des Problems zusammen. Die Vernunft, könnte man sagen, hat sich einer List bedient, um sich von der Komplexität nicht einschüchtern zu lassen.
Haruki Murakamis Romane bedienen sich häufig dieser Strategie. Seine männlichen Hauptprotagonisten sind meistens in den späten 60er Jahren, in der Studentenbewegung, jung gewesen und vermissen die Freund-Feind-Schemata ihrer einst revolutionären Gefühle. Auch sind sie meistens durch den enormen Wohlstand im Japan der 80er Jahre mehr oder weniger zufällig selbst erfolgreich geworden. Sie arbeiten als Werbetexter, in der PR-Branche oder als Journalisten, besitzen Autos und Wohnungen, sind mindestens schon einmal geschieden und trotzdem fühlen sie sich mit Mitte dreißig immer noch auf der Schwelle zum Erwachsenwerden. Sie lehnen sich nicht auf gegen die »hochkapitalistischen« Verhältnisse, sind aber auch nicht mit ihnen einverstanden, sondern finden sie vor allem unverständlich. In den Ausgangssituationen von Murakamis Romanen entscheiden sie sich, dieses Unbehagen ernst zu nehmen. Sie machen sich für ein paar Monate frei, brauchen ihr Erspartes auf und begeben sich auf eine Sinnsuche. Zufällig lernen sie dann oft junge und hübsche Frauen kennen, die recht unauffällig leben, etwas seltsam und im Nebenberuf Prostituierte sind. Naturgemäß haben die nichts Anrüchiges, überhaupt nicht. Es sind Edelprostituierte, ein Topos der japanischen Literatur. Meistens sind sie zudem Medien, um die Geschichte in Gang zu bringen. Auch in der europäischen Geistertradition sind Medien flüchtige Wesen, verschwinden deshalb bald wieder und lassen den Helden in einem Netz aus angefangenen Erklärungen zurück. Alles beginnt damit, dass ein Tod, eine fremde Macht, die andere Seite in das Leben des Helden hinein reicht und ihm die bisherige Sicherheit raubt. Zurück bleibt das Gefühl der Ohnmacht, überhaupt nie ein eigenes Leben geführt zu haben, und das dringende Bedürfnis, dieser Ohnmacht auf den Grund zu gehen. Was zunächst wie ein Kriminalfall anfängt und sich immer mehr zu einer Verschwörung von dubiosen Geschäftsmännern, skrupellosen Politikern oder gar paranormalen Kräften auswächst, endet in einer Kapitulation des Wissenwollens, in einer langsamen Beruhigung des aufständischen und inzwischen alt gewordenen Individuums. Damit trifft Murakami wie kein anderer den Kokon von Privatmythologien, in dem sich die Ohnmacht einer falschen Individualität versöhnlich einrichten muss. In zeitgenössischer Terminologie würde man sagen: dieser Kokon von Idiosynkrasien ist die einzige Möglichkeit, um die Autopoiesis des psychischen Systems sicherzustellen.
Wer glaubt, mit Murakami einen japanischen Autor vor sich zu haben, wird schnell auf das stoßen, was man technokratisch Globalisierung nennt und in Japan deutlich früher spürbar wurde. Im Zentrum seines Romans »Tanz mit dem Schafsmann« steht ein altes, vergammeltes Hotel, das einem supermodernen Cityhotel weichen musste. Das heißt: Spekulationsgelder, Scheinfirmen, Nötigung des alten Besitzers, Machtpolitik und so weiter. Das einzige, was an früher erinnert, ist der gleichgebliebene Name des Hotels. Auf der Suche nach dem Verlorenen mietet sich der Ich-Erzähler dort auf unbestimmt ein. Sich erinnernd an eine Liebeswoche in dem alten »Delfin« hofft er auf das zu stoßen, was den Lauf seines Lebens bestimmt und sich ihm entzogen hat. Die ausgelöschte Vergangenheit, seine eigene und die des Hotels, kehrt wieder als Gespenst. Tatsächlich öffnet sich im »Delfin« ein imaginärer Raum, in dem der »Schafsmann« auf ihn gewartet hat. Dieses Motiv hat Murakami schon in seinem Roman »Wilde Schafsjagd« verfolgt, der sich nun wie ein erster Teil zu »Tanz mit dem Schafsmann« liest. Ein Schaf symbolisiert in Japan keineswegs das Gegenteil von einem Wolf. Schafe sind in Japan nämlich nicht heimisch, viel eher wird darin deshalb das importierte Fremde anschaulich. (Warum auf dem Buchdeckel der Übersetzung ein Widder abgebildet ist, bleibt unverständlich.) Der »Schafsmann« jedenfalls hat auf die vielen Fragen nur eine einzige und eingängige Antwort: »Tanze, tanze, tanze ...«.
Mit dem ersten vollzogenen Tanzschritt kommt eine Reihe seltsamer Verbindungen in Gang: von alten Schulfreunden über kitschige Kinofilme, zu einem Callgirl-Ring, einer obsessiven Künstlerin, ihrer dreizehnjährigen, hochsensiblen Tochter, einem einarmigen Poeten bis hin zu einem Mord, in den der Ich-Erzähler verwickelt wird. Das bedeutet erstens: alles ist mit allem verbunden. Und zweitens: erlösen kann einen daraus nur die »Hotelfee«. Auch wenn dieser Roman deutlich schwächer ist als Murakamis späteres Meisterwerk »Mister Aufziehvogel« (dt. 1998), gelingt es ihm, eine Liebesgeschichte, einen Krimi und einen Gesellschaftsroman in einer einzigen groß angelegten Verschwörung zu versenken. Die besteht in der permanenten Verführung, die Mitte von allem Verbundenen zu finden. Am Ende ist nichts erklärt, kein Mörder tatsächlich überführt, keine Machenschaft aufgehellt. Und die Suche nach der Mitte muss zuletzt das feststellen, was der Buddhismus schon immer gewusst hat, nämlich, dass die Mitte leer ist. (Nicht nur in Berlin und nicht nur in der Politik.)
Mit der »Hotelfee« im Bett kann man dem entspannt hinterher schicken: Na und?
Gleichzeitig mit dem Roman erscheint ein Buch unter dem Titel »Untergrundkrieg«, in dem Murakami vierunddreißig Interviews mit Opfern des Giftgas-Anschlags der Aum-Sekte auf die Tokyoter U-Bahn von 1995 versammelt. Fast archäologisch ist er bemüht, die »spirituelle« Stimmung an diesem grausamen »Frühlingsmorgen« zu rekonstruieren. Zusätzlich kommen in einem zweiten Teil auch Mitglieder der Aum-Sekte zu Wort, um deren »spirituelle Überlegenheitsgefühle« zu dokumentieren. In einem Gespräch über den Anschlag hat Murakami einmal gesagt, dass er den schlechten Irrationalismen solcher Motive eine »Weiße Mythologie« entgegensetzen wolle. Eine Aufklärungsarbeit, die das Gute noch im Gewand des Irrationalen vorstellen kann. Das ist natürlich der Traum aller aufgeklärten Aufklärer. Zu den terroristischen Anschlägen von New York schrieb Murakami in einem Brief an seine deutschen Leser, dass das 21. Jahrhundert möglicher Weise von einem »Untergrundkrieg« zwischen »offenen« und »geschlossenen Geistessystemen« gekennzeichnet sei. Insofern kann man seine Romane als Versuch nehmen, ein Verstehen und eine Sprache zu entwickeln, die jene spirituelle Mitte leer halten sollen – eine Verschwörungstheorie ohne Verschwörer. Man könnte daraus auch ein Plädoyer für eine postmoderne Weltreligion lesen, die als Antwort auf die Globalisierung ein menschliches Bedürfnis befriedigen soll. Eine solche religiöse Spiritualität wäre nur noch die Maske der Maske einer Maske. Ein wenig ist das aber so, als würde man die »hochkapitalistische« Ratte in einem Hasenkostüm verstecken und andauernd sagen lassen: ich weiß von nichts.
Haruki Murakami: Tanz mit dem Schafsmann. DuMont, Köln 2002, 450 S., 24,90 EUR.
Ders.: Untergrundkrieg. Der Anschlag auf Tokio, DuMont, Köln 2002, 400 S., 18 EUR.

Leander Scholz

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