Ingrid Roemer

Zwölftklassarbeit 1999

Mein Auslandsaufenthalt in Frankreich vom 5. September 1998 bis zum 27. März 1999

Betreuungslehrer: Pierre Schwob
Freie Waldorfschule Saarbrücken
Schulstr.11 D-66126 Saarbrücken-Altenkessel
Telefon 06898-8520201  Fax 06898-8475
e-mail info@waldorfschule-saarbruecken.de


INHALT

-Das französische Schulsystem:

-Meine Gastfamilie:

-Die Stadt Lyon


Mein Auslandsaufenthalt in Frankreich vom 5. September 1998 bis zum 27. März 1999

EINLEITUNG:

Irgendwann fingen meine Eltern an mir vorzuschlagen, einen Auslandsaufenthalt in Frankreich zu machen. Ich überlegte nicht lange und willigte ein, da ich nur Vorteile sehen konnte. Der Gedanke, für längere Zeit weit weg von Saarbrücken zu sein, erschien mir gar nicht einmal so übel. Es könnte nicht schaden, etwas Abstand von all dem zu bekommen, dachte ich, auch diszipliniertes Mitarbeiten in der Schule würde ich dort bestimmt lernen und natürlich die Französische Sprache. Ich sah also nur Vorteile, und das Ganze sah von weitem richtig interessant aus. Meine Eltern kümmerten sich um eine Organisation, und ich musste unzählig viele Bewerbungsunterlagen auf Französisch ausfüllen, was ich eher stressig als interessant fand. Wir entschieden uns, dass ich dort sieben Monate bleiben sollte, das wären etwa zwei französische Trimester, und ich müsste die elfte Klasse nicht wiederholen.

Am Anfang der Sommerferien bekam ich den ersten Brief von meiner Gastfamilie, sie schickten mir Fotos und schrieben, wie sehr sie sich schon auf mein Kommen freuen würden. Wir schrieben uns den ganzen Sommer über, bis ich die Familie Ferfer persönlich am 5. September kennenlernte.

Ich sah diesem Tag eher mit gemischten Gefühlen entgegen, ich wusste, dass es nicht einfach sein würde, aber das verdrängte ich und versuchte solange, zuhause soviel wie möglich mit meiner Familie und meinen Freunden zu unternehmen. Die Schule hatte wieder angefangen, und ich ging noch etwa zwei Wochen hin, ohne großartig mitzuarbeiten, außer natürlich im Französischunterricht.

Sonst hatte ich mich während den Sommerferien ein wenig auf meinen Auslandsaufenthalt vorbereitet, ich war nämlich drei Wochen lang mit einer Gruppe von deutschen und französischen Jugendlichen an der Ostsee. Dort lernte ich mich auf Französisch zu verständigen und befreundete mich mit vielen netten Franzosen.

Dadurch verlor ich etwas die Angst vor dieser fremden Sprache, aber mir wurde bewusst, dass mir noch nicht einmal ein Viertel des französischen Wortschatzes vertraut war. Das brachte mich aber keinesfalls dazu, Vokabeln zu pauken oder französische Bücher zu lesen, im Gegenteil, ich dachte: 'na wart's ab, das wird alles schon von selbst kommen' und so Unrecht hatte ich nicht.

Am 4. September verabschiedete ich mich dann schließlich von meinen Freunden, es gab eine kleine Abschiedsparty und mir war trotz allem noch nicht richtig bewusst, dass ich das alles in Saarbrücken verlassen sollte. Erst als ich mit Sack und Pack im Zug stand und ich meinen Eltern zuwinkte, wurde mir mit einem Schlag klar, was mir nun bevorstand. Ich wäre am liebsten direkt wieder in Forbach ausgestiegen, ich wurde plötzlich furchtbar traurig und fing mir ernsthaft an Gedanken zu machen, ob es richtig war und ob ich mit dieser Situation fertig werden würde. Kurz vor der Ankunft war ich so nervös, dass ich anfing auf Französisch zu zählen, von eins bis hundert und rückwärts wieder zurück, es war grauenvoll. Am "Gare de la Part-Dieu" in Lyon erwarteten mich bereits Jocelyne, meine Gastmutter, Christian, mein Gastvater und Florian, der vierjährige Sohn. Wir fuhren direkt zu meinem neuen Zuhause in Décines-Charpieu, einer Vorstadt von Lyon. Dort wurde ich freundlich von den anderen beiden Kindern, Yannick, fünfzehn, und Stephanie, zwanzig Jahre alt, begrüßt. Dann machten sie mich mit ihrem kleinen Reich bekannt: sieben Zimmer, Küche, Bad, Balkon, zwei Garagen in einem Haus, mit einem kleinen Garten und einem Swimmingpool, von dem ich leider nicht profitieren konnte, weil ich nur während der Winterperiode da war. Mit meinem kleinen neuen Zimmer freundete ich mich recht schnell an, doch sonst gab es noch jede Menge gewöhnungsbedürftiger Sachen.


Das Französische Schulsystem:

Das französische Schulsystem unterscheidet sich in vielen Dingen sehr von dem deutschen Schulsystem und noch stärker natürlich von dem Waldorfschulsystem. Die Kinder von drei bis sechs Jahren kommen zunächst in die "l'école maternelle", das entspricht etwa dem Kindergarten. Hier lernen die Kinder schon mit drei Jahren Rechnen und Schreiben. Mit sechs Jahren kommen sie in die "l'école primaire", dort verbringen sie fünf Schuljahre. Der folgende Unterricht ("l'enseignement secondaire") ist in zwei Abschnitte eingeteilt und zwar in die sogenannten "Cycles". Der "1er cycle" beinhaltet vier Klassen auf dem "Collège" im Alter zwischen 11 und 15 oder 16 Jahren: die sixième, die cinquième, die quatrième und die troisième. Dort macht man einen einfachen Abschluss, den BEPC ("Brevet d'enseignement du premier cycle"). Anschließend folgt der "2me cycle" das "Lycée" (Gymnasium) mit 15 oder 16 bis 18 Jahren. Im Lycée gibt es drei Klassen: die Seconde, die Première und die Terminale. In der Seconde haben die Schüler zunächst noch alle den gleichen Unterrichtsstoff, in der Première allerdings können sie zwischen drei Zweigen wählen: L (Littéraire), der literarische Zweig, ES (Sciences économiques et sociales), der sozialwissenschaftliche Zweig und S (Scientifique), der naturwissenschaftliche Zweig. In manchen Schulen gibt es auch noch vereinfachte Zweige wie STI und STT, aber das ist von Schule zu Schule verschieden. In der Mitte der Première schreibt man einen "Devoir Commun", der einige Fragen zu einem literarischen Text und eine "Travail d'écriture", d.h. eine vertiefte analytische Inhaltsangabe von diesem Text, beinhaltet. Dafür hat man vier Stunden Zeit. Das ist die Vorbereitungsarbeit für das "Bac Français", das am Ende der Primaire stattfindet. Das Bac Français beinhaltet einen "épreuve écrite" und einen "épreuve orale" (d.h. eine schriftliche und eine mündliche Prüfung). Während der Terminale schreibt man mehrere "Bac Blancs", die in etwa den Vergleichsarbeiten gleichkommen, und am Ende dieses Jahres schreibt man das richtige "Baccalauréat", welches den Besuch einer französischen Hochschule oder der Universität ermöglicht. Die französischen Hochschulen und Universitäten sind gebührenpflichtig.

Nach dem Studium muss sich ein Teil der Franzosen bei einem "Concour" (schriftliche Aufnahmeprüfung) bewerben um einen Arbeitsplatz zu finden. Wörtlich übersetzt heißt Concour 'Wettbewerb', diese Aufnahmeprüfung kann man auch etwa so sehen, denn es werden ausnahmslos nur die Besten genommen.

Das französische Schuljahr ist in sogenannte "Trimester" eingeteilt. Das erste Trimester beginnt Anfang September und endet kurz vor Weihnachten, dazwischen gibt es eine Woche Herbstferien (vacances de Toussaint) und nach den zweiwöchigen Weihnachtsferien (vacances de Noël) beginnt das zweite Trimester im Januar. Es endet gegen Ostern und dazwischen gibt es ebenfalls eine Woche Winterferien im Februar (vacances d'hiver). Das dritte Trimester beginnt nach den zweiwöchigen Osterferien (vacances de Pâques) und dauert bis Ende Juni. Zeugnisse (bulletins scolaires) gibt es nach jedem Trimester.

MEINE SCHULE:

Das Gymnasium Charlie Chaplin:

Ich besuchte das Lycée Charlie Chaplin, das etwa 15 bis 20 Minuten zu Fuß und 5 bis 10 Minuten mit dem Bus von dem Haus meiner Gastfamilie entfernt ist. Das Lycée Charlie Chaplin ist ziemlich groß, verglichen mit der Schule, an die ich gewöhnt bin. Im Schuljahr 1998/99 besuchten 1759 Schüler dieses Gymnasium, es gab 17 Klassen pro Klassenstufe, also insgesamt 51 Klassen. Dazu 150 Lehrer die ca. 2400 Stunden pro Woche Unterricht gaben.

Diese riesige Schülerzahl fand ich am Anfang ziemlich erschreckend, zumal alle diese Schüler fast genauso alt waren wie ich. Verrückt vor allem war, dass ich noch am Ende ständig Schüler getroffen habe, die ich noch nie zuvor in meinem Leben bewußt gesehen hatte, obwohl ich doch mit ihnen seit sieben Monaten auf der gleichen Schule war.

Das Lycée Charlie Chaplin besteht aus zwei großen, eckigen und ziemlich heruntergekommenen Gebäuden, es ist meiner Meinung nach in einem pädagogisch wertlosen Stil erbaut. In dem größeren Gebäude befindet sich das Sekretariat, die Kantine und der Schüleraufenthaltsraum. In den drei Stockwerken befinden sich die ersten 300 Unterrichtsräume. In dem anderen Gebäude sind die restlichen 200 Räume auf zwei Stockwerken verteilt, die Schulbibliothek, die Schulkrankenschwester und zwei Räume, in denen Filme gezeigt werden können. In diesen Unterrichtsräumen sind auch unzählige Chemie- /Biologiesäle, Physiksäle, Computersäle usw.

Mein Stundenplan:
Ich besuchte die Primaire Littéraire (1ère L1, d.h. es gab noch zwei andere 1ère Littéraires) und mein Stundenplan sah folgendermaßen aus:

                MONTAG:
        8.00 Uhr bis 12.00 Uhr:
        Mathematik, Deutsch, Englisch und Geographie/Geschichte
        zwei Stunden Mittagspause
        14.00 Uhr bis 17.00 Uhr :
        Französische Literatur
                DIENSTAG:
        8.00 Uhr bis 13.00 Uhr
        Englisch, Französisch, zwei Stunden Mathe Leistungskurs, eine Stunde mit dem
        Professeur Principal, unserem Klassenlehrer (das entspricht etwa einer Verfügungsstunde)
        15.00 Uhr bis 16.00 Uhr
        Deutsch
        17.00 Uhr bis 18.00 Uhr
        Biologie/Chemie
                MITTWOCH:
        8.00 Uhr bis 12.30 Uhr
        zwei Stunden Geographie/Geschichte, Mathe Leistungskurs, eine und eine
        halbe Stunde Biologie/Chemie oder Physik
        14.00 Uhr bis 17.00 Uhr
        Wahlpflichtkurs Theater
                DONNERSTAG:
        8.00 Uhr bis 13.00 Uhr
        zwei Stunden Französiche Literatur, Deutsch, Englisch, Mathe
        Leistungskurs
        14.00 Uhr bis 18.00 Uhr
        eine und eine halbe Stunde Physik, zwei Stunden lang Sport
                FREITAG:
        8.00 Uhr bis 10.00 Uhr
        Geographie/Geschichte
        11.00 Uhr bis 12.00 Uhr
        Englisch, das war's!
Die französische Benotung:
16-20 Punkte    : excellent             sehr gut                (1)
        Einsen werden nur sehr selten vergeben, perfekt zu sein ist fast unmöglich, deswegen
sind die Durchschnitte auch viel schlechter im Verhältnis zu den deutschen Durchschnitten.
14-15           : bien                  gut                             (2)
11-13           : satisfaisant          befriedigend                    (3)
9-10            : passable              ausreichend                     (4)
5-8             : insatisfaisant                unbefriedigend                  (5)
0-4             : insuffisant           nicht ausreichend                       (6)

Der Unterricht:

Es fiel mir anfangs schwerer, als ich dachte, bis um sechs Uhr abends stillzusitzen, aber ich habe mich nach und nach daran gewöhnt. Der Unterricht ist auch nicht wie hier 45 Minuten lang, nein, er dauert 55 Minuten, was auch sehr gewöhnungsbedürftig ist. Auch musste ich mich darauf einstellen, ständig den Klassenraum zu wechseln und vom einen ins andere Gebäude zu hetzen. Hier bleiben die Lehrer in den Klassenräumen, sie kommen nicht wie bei uns zu den Schülern.

In Frankreich macht man schon in der zwölften Klasse Abitur, d.h. ich war praktisch in der Vorabiturklasse. Das habe ich vor allem daran gemerkt, dass wir den Stoff von etwa fünf Waldorfunterrichtstunden in einer Stunde durchnahmen. Ich merkte auch, dass die Unterrichtsstruktur ganz anders ist. In Frankreich wartet der Lehrer in der Klasse, er sagt Bonjour und ruft erst alle Schüler beim Namen auf, um ihre Anwesenheit zu überprüfen, und dann legt er los, den Stoff zu erzählen. Die Schüler müssen mitschreiben und sich alles zuhause wieder durcharbeiten, damit sie es überhaupt verstehen. Ich bin es gewohnt, in erster Linie zu verstehen und dann am Ende aufzuschreiben, was wichtig ist und was ich mir merken muss. Es fiel mir also anfangs wirklich nicht einfach, wo ich doch sowieso nicht viel verstand. Glücklicherweise gab es ja Joanna, eine ebenfalls Deutsche aus Hannover, sie war mit derselben Organisation in Lyon und wohnte in dem gleichen Ort. Wir beide konnten uns den Schulstoff gemeinsam erarbeiten, was alles schon gleich viel einfacher machte. Sie hatte auch auf den meisten Gebieten etwas mehr Ahnung als ich, da sie ihren Realschulabschluss schon hinter sich hatte. Wir verstanden uns auf Anhieb einwandfrei und wurden die besten Freundinnen. Wir lernten also so, diese fremde Kultur gemeinsam kennen. Ohne sie wäre ich bestimmt oft sehr verzweifelt gewesen, weil es nicht einfach ist soviel Neues zu verarbeiten.

Auf dem Lycée gelten viel strengere Regeln, als es ich gewohnt bin, ich wusste natürlich, dass es in den französischen Schulen um einiges disziplinierter zugeht als auf der Waldorfschule. Die Autorität der Lehrer wird respektiert und es herrscht Disziplin. Anfangs war mir diese Stille fast unheimlich und unangenehm, denn ich konnte meinen Mund natürlich nicht halten und unterhielt mich mit Joanna, da uns ständig merkwürdige Dinge auffielen, die uns neu waren. Es ist auch ziemlich streng, denn das Fehlen eines Schülers wird sofort bemerkt, notiert und wenn keine Entschuldigung abgegeben wird, werden die Eltern in Kürze benachrichtigt. Fehlt ein Schüler mehr als dreimal unentschuldigt, wird er von der Schule verwiesen.

Erstaunt war ich darüber, dass die mündliche Mitarbeit nur in den Fremdsprachen zählt, in den restlichen Fächern wird nur das Schriftliche benotet, was dem Unterricht allein deswegen schon eine andere Form gibt. Die Schüler beteiligen sich nur sehr ungern. und es gibt kaum mündliche Beiträge. Das macht den Unterricht sehr langweilig, denn der Lehrer ist die einzige Person, die spricht, und das 55 Minuten lang.


Mein erster Schultag:

Der erste Schultag an dieser fremden Schule war sehr verwirrend für mich, ich hatte die letzte Nacht vor lauter Aufregung kaum geschlafen und ich war natürlich riesig gespannt, wie es werden würde. Ich kam mit Joanna vor dem Lycée an, und nach den Angaben sollten wir unsere Namen auf drei riesengroßen Tafeln suchen, zu denen wir uns erst einmal durchboxen mussten. Dort waren die Namen aller Schüler aufgeschrieben und es stand dort auch in welche Klasse man eingeteilt worden ist, mit dem Namen des zukünftigen Klassenlehrers ("Prof Principale") und die Nummer des Raumes indem das erste Treffen stattfinden sollte. Joanna und ich waren sehr zu unserer Freude in derselben Klasse und so machten wir uns gemeinsam auf den Weg. Dummerweise war ausgerechnet diese eine Raumnummer von 500 Sälen unlesbar, und wir irrten eine halbe Ewigkeit durch die Schule bevor wir zu unserer Klasse fanden. In unserer Klasse waren 28 Schüler.

Monsieur Bierce wartete bereits auf uns, er war außer der Funktion als Klassenlehrer auch noch unser Französischlehrer. Er fragte uns erst auf eine leicht ironische Art, ob wir die fünf (!) Bücher gelesen hätten, die als Pflichtlektüre für die Sommerferien aufgegeben waren. Ich hatte mir alle Bücher in Französisch und Deutsch besorgt, sie aber nur teilweise gelesen und wenn, dann nur auf Deutsch. Es waren die Bücher "Oediphe Roi" (König Oidipus) von Sophokles, "Candide" (Candid) von Voltaire, "Quatre-vingt-treize" (1793 oder die Verschwörung in der Provinz Vendée) von Victor Hugo, "Petits Poèmes en Prose" ("Le Spleen de Paris") (Gedichte in Prosa) von Charles Baudelaire und "Les Mots" (Die Wörter) von JeanPaul Sartre. Ich fand fünf Bücher dieser Art etwas übertrieben, und als ich erfuhr, dass wir diese Bücher noch nicht einmal im Unterricht durchnehmen, kam mir das unnötig vor. M.Bierce sagte uns dann, dass wir uns das Buch "Les Confessions" (Bekenntnisse) von Jean-Jacques Rousseau besorgen sollten, denn das würden wir als nächstes durchnehmen. Sonst erklärte er uns, was wir außerdem in diesem Schuljahr alles machen würden, wie z.B. mehrere Museumsbesuche, eine Fahrt nach Annecy, mehrere Theaterbesuche etc. Ich verstand von allem nicht sehr viel, denn er redete einfach viel zu schnell für meine Kenntnisse. Anschließend teilte er uns die Zeugnisse für dieses Schuljahr aus, auf die wir die Namen unserer Lehrer und alle Daten eintragen mussten, das kam mir etwas merkwürdig vor. Auch bekamen wir unsere Schülerausweise, eine Karte für die Schulbücherei und ein "Carnet de vie scolaire", das ist ein kleines Büchlein in das alle Fehlstunden, Krankenschwesterbesuche, Klassenfahrten und Termine für Treffen von Eltern und Lehren (es gibt nämlich keine Elternabende in Frankreich) eingetragen, gestempelt und unterschrieben werden müssen, ausgeteilt. Diese mussten wir ebenfalls ausfüllen und mit Fotos bekleben und abgeben, damit sie gestempelt und unterschrieben werden von der Schulverwaltung. Das war alles innerhalb von zwei Stunden und danach hatten wir frei.

Die Schüler reagierten etwas überrascht, als sie erfuhren, dass zwei Deutsche in ihre Klasse gehen, und wir wurden nur interessiert beäugt, aber nicht angesprochen.

Schulerlebnisse:

Am ersten richtigen Schultag waren Joanna und ich noch ziemlich hilflos, doch unsere Mitschüler kamen freundlich aber distanziert auf uns zu, um uns zu helfen, wenn wir nichts verstanden hatten oder den nächsten Klassenraum nicht finden konnten. In jeder Pause, wenn ich auf den Schulhof trat, überwältigte mich die riesige Schülerzahl aufs Neue. Der ganze riesige Schulhof war überfüllt mit Schülern, und es wurde ständig gedrängelt und geschubst in den Gängen oder im Foyer. An diesem Tag verstand ich so gut wie nichts, ich strengte mich an, konzentriert zuzuhören, doch es war einfach zu anstrengend. Ich traute mich natürlich auch nicht die Lehrer zu fragen, ob sie nicht langsamer sprechen könnten.

Ich war immer ziemlich erschöpft, wenn ich von der Schule heimkam, Hausaufgaben versuchte ich so gut es ging mit Joanna zu machen. Manchmal war ich richtig verzweifelt, weil ich nur so wenig verstand und ich einfach nicht das sagen konnte, was ich wollte. Wenn die Lehrer etwas fragten, musste ich erst sehr lange überlegen, bis ich einen richtigen Satz formuliert hatte, der meistens noch nicht einmal grammatikalisch richtig war. Wegen meines Akzentes schämte ich mich auch, es kam mir alles etwa wie eine Behinderung vor. So ging das etwa einen Monat lang, dann hatte ich mich soweit auf diese schulische Veränderung eingestellt und vor allem verstand ich wesentlich mehr als am Anfang.

Am Lycée Charlie Chaplin sah ich nicht viel von Gewalt zwischen Schülern, ich habe nie eine Prügelei auf dem Schulhof erlebt und ich bekam auch von keiner erzählt. Man hört ja viel von Gewalt an französischen Schulen, aber ich kann davon nicht viel berichten. Ich bekam mit, dass viel geklaut wurde, und passte demnach gut auf meine Sachen auf. Außer dem täglichen Gedränge in den Fluren und kleinen Streitereien bekam ich nichts zu sehen.

Ein sehr großer Teil der Schüler rauchte, obwohl es eigentlichem verboten war, auf dem Schulgelände zu rauchen, demnach war es auch ständig von Zigarettenstummeln übersät (einmal pro Woche wurde gekehrt). Die Lehrer kümmerten sich nicht darum, und auch den anderen Leuten der Schulverwaltung schien es egal zu sein.

Dass an dieser Schule eine große Subkultur herrschte, bekam ich bald mit. Es wurde viel auf dem Schulhof gedealt, vor allem in den Pausen und das auch nicht besonders indiskret. Man sah oft während der Mittagspause oder auch während Freistunden kleine Grüppchen von Schülern in dunklen Ecken stehen, da musste man nicht viel überlegen, um zu wissen was dort passierte. Wofür die Schüler in ihrer Freizeit keine Gelegenheit haben, und was sie Zuhause nicht dürfen, machen sie eben während der Schulzeit.

Viele Schüler schwänzten trotz der strengen Regeln oft den Unterricht, indem sie sagten sie wären krank und gingen zur Infirmière (Schulkrankenschwester). In Wirklichkeit jedoch machten sie ersteinmal zehn Minuten Pause und gingen dann erst zur Infirmière, man durfte sich auch immer einen Begleiter mitnehmen, also war die ganze Sache recht lustig und problemlos. Nach fünf Minuten bei der Infirmière kehrte man wieder scheinheilig in den Unterricht zurück.

Meine Lehrer:

Die einzelnen Unterrichte verliefen meistens sehr unterschiedlich, ich lernte die Lehrer mit der Zeit immer besser kennen. Besonders die Deutschlehrerin, Mme.Bietrix amüsierte mich sehr, mit ihrer unpassenden verrückten Kleidung (:rosa Mantel, rosa Rock, rosa Stiefel, rosa Lippen, rosa Lidschatten, rosa Ohrringe, rosa Wangen und dazu eine Strumpfhose mit Katzen und Mäusen, sowie eine knallrote Tasche... ich werde dieses Bild bestimmt nicht vergessen), so stolzierte sie am ersten Tag durch den Klassenraum und sagte bestimmt sechzigmal das Wort in Ordnung, d'accord oder o.K., das war ein zu komischer Anblick. Joanna und ich saßen in der letzten Reihe und konnten uns das Lachen kaum verkneifen, sie hatte dazu eine sehr merkwürdige Aussprache. Zu diesem Zeitpunkt, wusste sie noch nicht, dass wir Deutsche waren, und strafte uns mit bösen Blicken. Später erfuhr sie es und durchlöcherte uns mit sämtlichen unnötigen Fragen. Ihre strenge Unterrichtsweise war meiner Meinung nach ziemlich schlecht, und die Schüler verschwanden fast unter den Bänken, um ja nicht aufgerufen zu werden, mir gefiel das überhaupt nicht.

Im Englischunterricht, bei Mlle.Gourdon war es ähnlich, die Schüler haben einfach unwahrscheinlich viel Angst davor, etwas sagen zu müssen. Mir missfiel auch sehr am Englischunterricht, dass die Lehrerin die Schüler nicht die Texte vorlesen ließ, nein, sie brachte fast jedesmal einen Kassettenrekorder mit, und wir hörten uns den Text auf Kassette an. So lernt man doch nicht richtig selber zu sprechen! Überhaupt musste ich feststellen, das die Franzosen viel mehr Schwierigkeiten mit Fremdsprachen haben, vor allem mit der Aussprache. Dieser fremde Akzent machte mir anfangs etwas zu schaffen, denn ich konnte die Schüler nur kaum verstehen. In Englisch kam ich nur schlecht mit, da die Lehrerin immer auf Französisch erklärte, was mich jedesmal völlig konfus machte. Ich versuchte, Englisch zu sprechen, aber es fielen mir einfach nur französische Wörter ein, das machte mir Sorgen.

Unsere Mathelehrerin, Mme.Ravy hatte eine schreckliche schrille Stimme. Montagsmorgens, in der ersten Stunde, weckte sie einen damit aus den Wochenendträumen. In Mathe kam ich ohne große Probleme sehr gut mit, denn die Hälfte hatte ich schon mal durchgenommen. Viele Schüler hatten von den einfachsten Rechnungen überhaupt keine Ahnung, ich glaube, das lag daran, dass Mme.Ravy nicht erklären konnte. Sie schrieb immer die Tafel voll und gab uns dann Aufgaben zu diesem Thema, wenn jemand eine Frage hatte, kam sie zu ihm und schrieb ihm die Rechnung hin, ohne irgendeine Erklärung abzugeben. Tja, und da keiner Lust hatte taub zu werden, fragte man lieber nicht zweimal. Diese Lehrer machen es sich manchmal einfach zu leicht.

Das verrückteste war allerdings unser Geographie- und Geschichtslehrer M.Martinon, er brachte mich in jeder Unterrichtsstunde zum Lachen. Allein sein Auftreten, er rannte immer in der Klasse herum, setzte sich mal im Schneidersitz auf das Lehrerpult oder schrieb schwer entzifferbare Wörter an die Tafel. Er war ein kleiner, immer gutgelaunter Herr mit roten Haaren, einem roten Bart und Segelohren. Er machte ständig Witze, die auch ich verstehen konnte, dazu redete er in einer unglaublichen Geschwindigkeit, weshalb ich anfangs Schwierigkeiten hatte etwas zu verstehen. Er erzählte auf eine sehr interessante und lebhafte Weise die Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts und die geographischen Aspekte Frankreichs. Als wir das Deutsche Reich durchnahmen, fragte er Joanna und mich jedesmal, ob er das Richtige erzählen würde. Ich kam in diesem Unterricht nur mittelmäßig mit, doch im zweiten Trimester ging es besser.

Unser Französisch- und Klassenlehrer M.Bierce war ziemlich streng und schmückte seinen Unterricht mit bissigen und ironischen Bemerkungen. Er behandelte einige der Schüler auf eine sehr abfällige Art, da sie seine Anforderungen nicht erfüllten. Das gefiel mir weniger gut. Er stellte auch sehr große Ansprüche, und ich saß immer stundenlang zuhause an seinen "Travaux d'écriture", d.h. ich musste eine vertiefte analytische Inhaltsangabe über z.B. einen Lebensabschnitt von Jean-Jacques Rousseau anfertigen, das war sehr schwierig, da ich noch nie zuvor mit solchen Textanalysen konfrontiert wurde. Ich gab mein Bestes und kam so recht gut mit M.Bierce zurecht.

Unser Physiklehrer M.Azzag kam aus Marseille und er redete einen merkwürdigen Dialekt, ich brauchte sehr lange, um mich an seine Ausdrucksweise zu gewöhnen. Zudem nahmen wir auch so viel Stoff auf einmal durch, dass es mir schier unmöglich war mitzukommen. Im zweiten Trimester als wir die Batterien durchnahmen, verstand ich etwas mehr, und da wir nur Ankreuzarbeiten schrieben, war es auch weniger anstrengend.

In Biologie und Chemie unterrichtete uns M.Vigneron, es war ein sehr ruhiger, freundlicher Mensch. In seinen Unterricht ging ich sehr gerne, denn wir mussten oft alle möglichen Zellensorten durch das Mikroskop abzeichnen. Das ist wenig anstrengend und da wir sonst keinerlei künstlerischen Unterricht hatten, konnte ich mich hier richtig ausleben, denn diese Unterrichtsart hat mir richtig gefehlt. Dadurch war ich eine der besten Schülerinnen, die anderen Schüler waren viel ungeduldiger und unsorgfältiger. Es ist schade, dass die französischen Schüler ihre künstlerische Begabung nicht fördern oder durch Unterricht entdecken können.

Sonst gab es noch den Sportunterricht bei Mme.Faure, eine recht fanatische Sportlerin, sie jagte uns jedesmal gnadenlos durch die Halle. Zuerst lernten wir Volleyball, dann Gymnastik und am Ende Tischtennis. Zu meiner großen Verwunderung hatten die Französinnen überhaupt keine Ahnung von dieser Sportart, und ich blieb lange Zeit mit Dorothea an der Spitze der Turniere. Dorothea ist ebenfalls Deutsche, sie kommt aus Saalfeld und sie kam erst nach den Weihnachtsferien in unsere Klasse.

Ich war nur einmal in diesen ganzen sieben Monaten krank, einmal fehlte ich eine Stunde lang, weil mein Wecker nicht geklingelt hatte und zweimal wegen den Schülerstreiks. Meine Gastmutter musste dann genau in mein "Carnet de vie scolaire" eintragen, was ich hatte und wie lange ich krank war, mit Unterschrift und Datum. Mit diesem "Billet d'absence" (Abwesenheitsbescheinigung) musste ich dann zu den "Conseillers Principaux d'éducation" (Hauptberater der Erziehung) gehen, das waren zwei Damen und ein Herr. Diese Personen namen je nach Anwesenheit mein Billet in Empfang, um es zu begutachten und je nach Begründung zu dulden oder nicht. Vor jedem Trimesterende bekamen die Eltern einen Brief mit der "Bilan des absences" (das Endergebnis der Abwesenheiten). So konnte man also keine Unterschrift fälschen oder sich sonstige Scherze erlauben. Alles wurde streng überwacht und notiert.

Schülerstreiks:

Nachdem ich etwa einen Monat lang in der Schule war, fingen diese Schülerstreiks an, zuerst hörte man davon aus Marseille, Toulouse, dann Bordeaux, Paris und schließlich streikten in ganz Frankreich sämtliche Gymnasiasten. Ich hab so etwas wirklich noch nie erlebt. Ich meine, in Deutschland ist das praktisch gar nicht möglich, da die Ferien und Regeln in jedem Bundesland verschieden sind. In Frankreich ist es überall gleich, so demonstrierten alle gemeinsam. An unserer Schule wurden überall Flyer verteilt, auf dem Schulhof forderten uns einige Schüler schreiend auf mitzustreiken, und alle Gymnasiasten aus Lyon und Umgebung trafen sich auf dem Place Bellecour in Lyon, um gegen das häufige Fehlen der Lehrer, die vielen Leerstunden und die überfüllten Klassen zu demonstrieren, sie fordern Unterricht ab 9.00 Uhr, mehr Sicherheit vor Gewalt in der Schule und bessere Unterrichtsräume.

Ich durfte an diesen Treffen in Lyon nicht teilnehmen, weil meine Gastmutter es zu gefährlich fand. Man sah die Extremfälle aus Paris und anderen Städten im Fernsehen, begleitet von Interviews mit Schülern und betroffenen Menschen. Die krawallierenden Schüler verwüsteten ihr ganzes Umfeld, schlugen Schaufenster ein, die Läden wurden ausgeraubt, Menschen verprügelt etc. Ich fand das unglaublich und hätte gerne ein bisschen mehr davon mitbekommen.

Ich habe allerdings keine Veränderung bemerkt.

Dieses Jahr haben die Schüler der Gymnasien wieder ca. um die gleich Jahreszeit gestreikt, es geht jedes Jahr um dasselbe: "mehr Material" und "mehr Personal". Die Brutalität und die damit verbundene Plünderei steigt jedoch von Jahr zu Jahr, die Schüler werden immer wütender und rücksichtsloser. Ich denke, wenn sich an der Situation nichts ändert, wird sich an dem Randalierungswahn der Jugendlichen auch nichts ändern.

Die Mentalität der Jugendlichen:

Joanna und ich, wir befreundeten uns nach kurzer Zeit mit einigen der Schülerinnen, doch es sollte noch länger dauern, bis wir etwas mit ihnen unternehmen konnten. Obwohl wir ständig fragten, sagten sie nie spontan zu, denn die Eltern mussten ca. eine Woche vorher gefragt werden. Normalerweise blieben sie das Wochenende über zuhause bei ihrer Familie und erledigten die Schularbeiten. Das ist zumindest so bei den wohlbehüteten Mädchen und das sind bestimmt 80%. Joanna und ich fanden das einfach unglaublich und wir fragten uns, wie sie das aushalten können, denn ich kann mich an kaum ein Wochenende seit meinem dreizehnten Lebensjahr erinnern, an dem ich durchgehend nur mit meiner Familie zusammen gewesen wäre.

Ich ließ mir das mal durch den Kopf gehen und war froh, dass mir meine Eltern soviele Freiheiten gelassen hatten. Auch sonst erschien mir das Leben der deutschen Jugendlichen in vielen Dingen viel vorteilhafter. Ich hatte mir in keinster Weise vorgestellt, dass die Mentalität dieser beiden nahen Ländern so unterschiedlich sein kann, vor allem, dass es sich so auf die Jugend auswirkt.

Ich habe tatsächlich festgestellt, dass sich das Leben von bestimmt 70% der französischen Schüler nur bei ihren Familien und nur in der Schule abspielt. Die Schüler bleiben sogar öfters noch länger in der Schule, um mit ihren Freunden herumzuhängen, denn sonst gibt es keine andere Gelegenheit. Das ist normal, denn wenn der Unterricht erst um 18.00 Uhr aus ist, gibt es praktisch nur noch Zeit für Hausaufgaben. Ich fand es im Winter am allerschlimmsten, denn ich ging bei Dunkelheit in die Schule und bei Dunkelheit auch wieder nach Hause. Die Schüler sitzen in ihren Freistunden zusammen und diskutieren über Lehrer. Das unglaublichste war, dass Joanna und ich uns nach kurzer Zeit besser in Lyon auskannten als viele unserer Mitschüler.

Ich machte auch die Feststellung, dass deutsche Jugendliche wesentlich selbständiger sind. Ich glaube, das liegt daran, dass die deutschen Eltern ihren Kindern mehr vertrauen oder ihnen vor allem mehr zutrauen. Ich habe gelernt, die Entscheidungen selbst zu treffen und die Verantwortung für mich ganz alleine zu tragen. Nach meiner Erfahrung machte ich praktisch mit 16 das, was ich wollte, ich wusste allerdings wo meine Grenzen waren. Mir fiel auf, dass viele französische Jugendliche diese Grenzen nicht kennen oder beachten. Z.B. in der Schule, wenn sie weg von zuhause sind, leben sie sich richtig aus. Es ist wie zwei verschiedene Welten für sie, zuhause sind sie die braven Söhne und Töchter, in der Schule jedoch sind sie ganz anders. Erstaunt oder erschreckt war ich, als ich nach einigen Monaten mit der "Subkultur" an der Schule konfrontiert wurde. Ich bemerkte, dass ein großer Teil der Jugendlichen regelmäßig an der Schule kifft, in den Pausen, Freistunden und vor allem während der Mittagspause. Besonders erstaunte mich, dass die Jugendlichen mehr Cannabis konsumieren als Alkohol. Ich nehme an, weil es unaufwändiger ist und unauffälliger.

Sonst habe ich festgestellt, dass die Franzosen oft viel lustiger und lebhafter sind, in den Freistunden saßen wir viel mit anderen Schülern zusammen und lästerten in erster Linie über die Lehrer, andere Schüler und vieles mehr, es wurde immer viel gelacht, diskutiert und gescherzt (de n'importe quoi). Auch mit Schülern, mit denen ich sonst nichts anfangen konnte. Diese Lebhaftigkeit hat mir sehr gut gefallen.


MEINE GASTFAMILIE

Die Familienmitglieder:

Mein Gastvater Christian arbeitete als "Souffleur de Quartz", Quarzbläser, 1993 hat er den Preis als "Meilleur Ouvrier de France" (Bester Arbeiter Frankreichs) gewonnen, mit einem unglaublichen Kunstwerk aus Quarzglas, nur mit dem Mund angefertigt, bestehend aus ganz vielen Quarzröhren, die in einer unglaublichen Genauigkeit zu verschiedenen Formen verschlungen und ineinander verbunden waren. Ich kann mit Worten kaum ausdrücken, wie überwältigend diese Arbeit auf mich wirkte. François Mitterand, der damalige Präsident Frankreichs, verlieh ihm diesen Preis.

Christian ist ein sehr ruhiger und geduldiger Mensch, er überlässt die meisten Entscheidungen seiner Frau, auch was die Erziehung der Kinder betrifft, hält er sich im Hintergrund. Er half erstaunlicherweise immer brav beim Haushalt mit, manchmal buk er sogar sonntags Kuchen.

Jocelyne, meine Gastmutter kümmerte sich um den Haushalt, sie ist groß, breit und sehr freundlich, sie gab sich immer sehr viel Mühe und redete langsam mit mir und wiederholte alles solange, bis ich es verstanden hatte. Jocelyne hat einen sehr willensstarken Charakter. Sie hatte zu jedem Thema ihre eigene Meinung, und diese vertrat sie auch mit einer unglaublichen Dickköpfigkeit. Ich stritt mich oft mit ihr, aber kurz darauf konnten wir uns wieder bestens verstehen und diskutierten oder scherzten über irgend etwas anderes. Ich kam mit ihr sehr gut zurecht, solange ich das machte, was sie für richtig hielt. Sie fand, dass ich mir für meine sechzehn Jahre eindeutig zuviel erlauben würde, sie war sehr unzufrieden darüber, dass ich alle meinen freien Nachmittage mit Joanna oder anderen Freunden verbrachte, sie warf mir vor die Familie zu vernachlässigen etc. In diesem Punkt war ich dann auch dickköpfig, denn ich saß meiner Meinung nach jeden Abend genügend vor dem Fernseher. Sollte ich das nun auch nachmittags machen? Stéphanie hätte das auch nicht gemacht, sagte sie, aber Stéphanie ist bestimmt nicht auf die Idee gekommen, weil sie nichts anderes gewohnt war. Sie erzählte mir von ihren strengen Eltern, die ihre vier Brüder immer bevorzugt hätten. Den Erziehungsstil ihrer Eltern hat sie übernommen, und ihre Kinder werden ihre Kinder genauso erziehen, das fand ich doch unglaublich. Wir einigten uns schließlich, nachdem ich sie überzeugt hatte, dass ich zuhause einfach nichts anderes gewöhnt bin und deswegen nicht darauf kommen konnte, dass es ihr etwas ausmacht, wenn ich so oft weg bin.

Besonders genau erklärte mir Jocelyne auch, was ich sonst noch zu tun und zu lassen hatte. Einmal kam ich etwas zu spät von der Schule, weil ich noch mit Joanna gewartet hatte. Als ich ankam wurde mir ein riesengroßer Vortrag von ihr gehalten, ich müsste immer direkt nach der Schule heimkommen, sie könnte nicht verantworten, dass ich mich dort noch länger aufhalten würde. Am schlimmsten fand ich, dass ich an meinen freien Nachmittagen (außer Sonntags) nur von 14.00 bis 18.30 Uhr und im Winter bis 18.00 weggehen durfte, ist das normal? Jocelyne sagte mir, dass es in Décines einfach zu gefährlich wäre, um abends herumzulaufen. Ich konnte mir das nicht vorstellen, als Grund nannte sie mir hauptsächlich die gefährlichen Algerier, die hier in Unmengen wohnen und vor denen nichts sicher sein soll. Ich dachte mir, in Deutschland gibt es doch auch jede Menge Türken, und ich konnte mir nicht vorstellen, dass Algerier schlimmer sein sollten. Aber gut, ich fügte mich meinem Schicksal und blieb am Wochenende zuhause. Joanna ging es ähnlich, aber sie ging manchmal samstags mit ihrer achtzehnjährigen Gastschwester Virgenie in eine Disco oder einen Pub.

Stéphanie, die auf der Universität Psychologie studierte, nahm mich ein paar mal ins Kino mit oder donnerstagsabends in einen Studentenpub namens "L'Oxxo". Dort waren wir bis kurz nach Mitternacht und trafen dort Nathalie, ihre beste Freundin, und andere ihrer Freunde, das war meistens recht langweilig, weil ich nicht mitreden konnte, aber als die Lieblingslieder aller Studenten kamen von z.B. "Louis Attack" oder das Lied der Weltmeisterschaft "I will survive" kam, wachte der ganze Pub auf, tanzte auf Tischen und Bänken und sang lauthals mit. Später lernte ich auch ein paar Studenten kennen, die aus der Nähe von Saargemünd oder Metz kamen, mit denen ich mich über die Discos in Saarbrücken unterhalten konnte.

Sonst war Stéphanie ein ruhiges, braves Mädchen, sie fragte immer zuerst ihre Mutter, wenn sie wichtige Entscheidungen treffen musste. Für ihre zwanzig Jahre war sie noch sehr von ihren Eltern abhängig, Jocelyne schimpfte mit ihr genauso wie mit mir, Yannick oder Florian. Erstaunlich fand ich, dass sie ihre Mutter noch um Erlaubnis fragte, wenn sie abends ausging und sie durfte z.B. nachts nicht alleine Auto fahren.

Mit Yannick, dem Mittleren, hatte ich nicht sehr viel zu tun, er war ziemlich schüchtern und saß den ganzen Tag in seinem Zimmer, spielte Computer, Keyboard oder sah fern. Er besuchte die Troisième auf dem Collège.

Florian, der Kleinste, nervte mich des öfteren, er besuchte mich immer in meinem Zimmer, wenn ich am Arbeiten war und erzählte mir Geschichten, er konnte vor allem furchtbar penibel sein, wenn ihm irgendetwas nicht in den Kram passte, fing er sofort an zu brüllen. Jocelyne musste oft mit ihm herumschreien, bis er aufhörte. Florian ging in den Kindergarten, er konnte schon seinen Namen schreiben und von eins bis zwanzig zählen.

Meine Aufgaben im Haushalt:

Ich bekam auch gleich anfangs meine Aufgaben im Haus zugeteilt, erstens musste ich alle drei Wochen eine Woche lang Geschirr spülen, samstags das Bad putzen und mein Zimmer saubermachen, sonst half ich beim Tischdecken und beim Abräumen. Ich gewöhnte mich relativ schnell daran, obwohl ich es von zuhause nicht gewohnt war.

Die Essensgewohnheiten:

Ich hatte mich auch bald daran gewöhnt, von morgens bis abends Baguette zu essen, auch mit Käse und Joghurt nach dem Mittag- und Abendessen freundete ich mich sehr schnell an, doch jeden Tag ein Stück Fleisch, das war mir zuwider. Ich war es gewohnt, höchstens dreimal pro Woche Fleisch zu essen, außer Wurst. Als es einmal "Grenouille" als Froschschenkel gab und ein anderes Mal Kuhzunge musste ich dankend ablehnen. Doch da ich nunmal nicht gesagt hatte, dass ich Vegetarier wäre, gab es für alles Andere kein Entkommen, ich gewöhnte mich auch daran. Mittags wurde immer um Punkt 12.00 Uhr gegessen und abends um 19.00 Uhr, im Anschluss daran sah sich die ganze Familie "Le Bigdil" im Fernsehen an, danach die Nachrichten und was sonst noch so auf den sechs Kanälen zu sehen war. Ich habe nie soviel Zeit mit Fernsehen verplempert wie dort, obwohl ich dabei auch sicherlich viel Französisch gelernt habe.

Was noch außergewöhnlich war und mir direkt auffiel, war die Länge der Mahlzeiten. Es dauerte manchmal sogar länger als eine Stunde bis das Essen beendet war. Lag es an den vielen verschiedenen Dingen, die es immer gab? Nein, es lag eher daran, das die Kinder ersteinmal ausgefragt wurden, was in der Schule oder auf der Universität passiert war, und es wurden auch sonstige Sachen ausdiskutiert. Ich hab nur selten erlebt, dass es vollkommen still war. Auch wenn wir schon mit dem Essen fertig waren, wurde oft weiter erzählt und diskutiert. Ich war es gewohnt, den Mahlzeiten weniger Wichtigkeit zu geben und ernste Sachen bei anderen Gelegenheiten zu bereden.

Es ist ja bekannt, dass die Franzosen die Mahlzeiten mit der ganzen Familie für sehr wichtig halten. Ich hatte mich bald daran gewöhnt, geduldig am Tisch zu sitzen und zu warten, bis meine Gasteltern genug geredet hatten.

Sonntag, der Familientag:

Sonntag war Familientag, und ich musste zuhause bleiben, meistens kamen die besten Freunde meiner Gasteltern zu Besuch, eine Familie mit einem achtzehnjährigen Sohn und einer vierzehnjährigen Tochter. Wir aßen gemeinsam Kuchen, tranken Kaffee und die Erwachsenen diskutierten über Dinge, die sie beschäftigen. Manchmal machten wir auch Ausflüge und gingen im "Parc de la Tête d'Or", dem größten öffentlichen Park mit Tieren in Lyon, spazieren, gingen ins Schwimmbad oder besuchten "Perouges" ein kleines mittelalterliches Dorf in der Nähe von Lyon.

Mit der Zeit gewöhnte ich mich immer besser an meine Gastfamilie, ich fing an meinen Gasteltern von meinen Erlebnissen in der Schule oder in Lyon zu erzählen. Ich vertraute meinen Gasteltern immer mehr und ich begriff, wo sich meine Grenzen befanden, auch mit Florian lernte ich umzugehen.


Mein Einstieg in die fremde Sprache

Ganz am Anfang hatte ich wirklich Schwierigkeiten, mich zu verständigen, es dauerte viel zu lange, bis ich einen Satz mit großer Mühe und Anstrengung zusammengebastelt hatte. Das bracht mich oft zur Verzweiflung, aber meine Gastmutter gab sich sehr viel Mühe mit mir. Sie fragte mich viel aus und wir unterhielten uns oft mit der Hilfe eines Wörterbuchs. Mit der Zeit verstand ich immer mehr und konnte mich auch immer besser verständigen. In der Schule arbeitete ich viel mit dem Wörterbuch und so lernte ich viele Vokabeln, die ich auch bald anwenden konnte.

Nach etwa drei Monaten war es soweit, dass ich meine Hemmungen verloren hatte und mich unaufgefordert an den Gesprächen beteiligte, in der Schule und bei meiner Gastfamilie. Nach fünf Monaten konnte ich fast fließend sprechen, die Grammatik bereitete mir immer noch Schwierigkeiten, aber ich konnte mich wirklich frei und problemlos verständigen, ohne mich danach fragen zu müssen, wie groß meine Fehlerzahl war. Ich fing auch an, auf Französisch zu denken und es kam tatsächlich vor, dass ich auf Französisch träumte.

An einem Tag sprach ich soviel Französisch wie nie zuvor, und als ich mich am nächsten Morgen mit Joanna auf Deutsch unterhielt, fand ich diese Sprache furchtbar trocken, eckig und stumpf gegenüber dem ineinanderfließenden und weichen Französisch. Ich entwickelte also eine große Sympathie für die französische Sprache

Als ich bemerkte, dass ich mich ohne viel zu überlegen unterhalten konnte, machte es mir immer mehr Spaß zu lernen. Ich ließ mir die unbekannten Ausdrücke und Wörter erklären, um sie später selbst zu verwenden. Es löste ein unbeschreibliches Erfolgsgefühl in mir aus, als ich meine Verbesserungen bemerkte, und man mir sagte, dass mein Akzent viel weniger zu hören sei. Es ist einfach ein unglaubliches Gefühl, sich innerhalb kurzer Zeit auf solche Weise in eine Sprach einzufinden, die einem vorher noch unwahrscheinlich fremd und schwierig vorkam. Früher als ich noch kleiner war, konnte ich mir nicht erklären, wie man sich mit einer anderen Sprache verständigen kann, wo doch die Wörter so ganz anders klingen. Ich fragte mich, wie es möglich ist, dass ein Wort, das anders aussieht das Gleiche bedeuten kann, und wie es den Menschen möglich ist, sich mit so verschiedenen Wörtern zu verständigen. Ja, das war mir früher unerklärlich, heute weiß ich wie toll es ist, wenn man sich in einer anderen Sprache unterhalten kann.

Erziehung:

Ich habe ja schon beschrieben, dass ich mir die französische Mentalität nicht so anders vorgestellt hatte. Von dem anderen Schulsystem wusste ich, aber dass die Erziehung und das Familienleben so unterschiedlich sind, hatte ich nicht vermutet. Ich machte mir viele Gedanken darüber, weil ich besonders meine Gastmutter nicht verstehen konnte, die ihre Kinder genauso erzog, wie ihre Eltern sie erzogen hatten, mit der Überzeugung das Richtige zu tun. Natürlich gibt es in Deutschland mit Sicherheit auch viele Eltern, die so handeln, aber in Frankreich scheint es mir viel weiter verbreitet zu sein. Woran könnte das liegen? Vielleicht, weil durch die Französische Revolution das Gleichheitsgesetz eingeführt wurden, und so denkt man, dass die Schule allen gleichermaßen die Chance gibt, mit guten Leistungen eine erfolgversprechende Karriere zu machen. So werden die Kinder auf Schulerfolge getrimmt und in der Schulzeit soll Lernen das Einzige sein, womit sie sich beschäftigen. Das Leben, das nichts mit Schule zu tun hat, ist für die Ferien bestimmt. Genau diese Lernart hat das französiche Schulpauksystem anscheinend vorgesehen, so fragte ich mich, welches der beiden Systeme am effektivsten ist.

Die Waldorfeltern geben ihren Kindern eine Erziehung, bei der die Leistungen zunächst keine Rolle spielen. Es werden in erster Linie Fähigkeiten gefordert, die mit der Schule gar nichts zu tun haben. Diese Fähigkeiten sind, eine eigene Persönlichkeit zu entwickeln, Durchsetzungsvermögen, soziales Verhalten, Verantwortungsbewusstsein etc., Dinge, die sehr wichtig für die Entwicklung eines Kindes sind.

Als ich in einem Buch über Frankreich las, entdeckte ich eine Beschreibung der Arbeiterfamilien, und diese Beschreibung passte tatsächlich genau auf meine Gastfamilie. Denn auch meine Gastmutter spielte die Hauptrolle, sie regelte den Haushalt und sie verwaltete den Familienetat. Es kam nicht vor, dass die Eltern abends alleine weggingen. Jocelyne erklärte mir, dass sie keine Einladungen für sich und Christian annimmt, weil sie nichts ohne ihre Kinder machen würde; es müsse schon die ganze Familie eingeladen werden. Solch eine Ansicht war mir fremd, wie noch viele andere und ich begriff, dass die Liebe zur Familie und zur Mutter in diesem Land eine sehr große Rolle spielt.

Die Feiertage:

Obwohl Frankreich ein so nahes Land ist, gibt es doch sehr viele verschiedene Sitten und Feiertage, im Elsaß kommt der Nikolaus noch am 6. Dezember, aber in Lyon passiert an diesem Tag überhaupt nichts Außergewöhnliches. Es wartete an diesem Tag kein gefüllter Stiefel mit leckeren Sachen auf mich, vom Papa Nikolaus, vor der Tür. Schade, aber dafür gibt es am 8. Dezember in Lyon ein ganz besonderes Fest, das nur in Lyon und Umgebung stattfindet und zwar "La Fête des Lumières" (Das Fest der Lichter). Dieses Fest wird gefeiert, weil Lyon am 8. Dezember vor unzähligen Jahren von der Pest befreit wurde, und aus Dankbarkeit stellen alle Leute Kerzen in die Fenster. Aus Tradition machen die Menschen das immer noch an diesem Tag. Ich fuhr mit Stéphanie und zwei Freundinnen von ihr in die Innenstadt von Lyon, nachdem wir zuhause unsere Lichter in die Fenster gestellt hatten. Die Innenstadt war ein einziges Lichtermeer, überall standen Kerzen in den Fenstern und das war ein toller Anblick. Es waren unzählige Menschen unterwegs und auf den größeren Plätzen herrschte ein furchtbares Menschengedränge, denn dort gab es Feuerwerke, Musikanten spielten, Sänger sangen, es wurden Umzüge mit verkleideten Menschen und Trommlern veranstaltet, Tänze etc. waren auf extra errichteten Bühnen zu sehen. Wir stiegen nach dem Durchqueren der überfüllten Altstadt Lyons auf den Berg und besuchten kurz die Messe in der Basilika "Notre Dame de Fourvière". Dort hatte man eine wunderbare Aussicht auf die ganze erleuchtete Stadt, das war ein sehr schönes Erlebnis für mich.

Weihnachten wird in Lyon fast genauso gefeiert wie bei uns, nur ist es nicht so üblich wie bei uns einen Tannenbaum zu besitzen. Auch gibt es keinen Adventskranz mit vier Kerzen. An Silvester feiert man auch mit Sekt und leckerem Essen, nur gibt es kein Feuerwerk. Das Feuerwerk findet dafür am 14. Juli statt, denn da ist der französische Nationalfeiertag "La Fête Nationale". Ich war leider weder an Weihnachten, Silvester, noch am 14. Juli in Lyon und konnte so nicht miterleben, wie die Franzosen dann wirklich feiern.

Am 3. Januar ist "La Fête de Roi", das Fest der heiligen drei Könige, zu diesem Anlass wird ein Kuchen gegessen, indem irgendwo ein kleiner Gegenstand versteckt ist, und wer diesen bekommt darf sich die Krone aufsetzen, die beim Kauf des Kuchens dabei ist.

Es gibt den Rosenmontag in Deutschland und in Frankreich gibt es den "Mardi-Gras" (der fettige Dienstag). An diesem Tag laufen vor allem die Studenten in der Innenstadt herum und werfen mit Eiern und Mehl auf die Menschen, ich durfte deswegen auch nicht nach Lyon, weil es angeblich zu gefährlich sei.

Am elften November ist der Feiertag "Armistice 1918", an diesem Tag war der Waffenstillstand des Ersten Weltkrieges. Ich hatte an diesem Tag keine Schule und wunderte mich erst, doch als meine Gastmutter mir erklärte, dass die Franzosen an diesem Tag das Ende des Ersten Weltkrieges feiern, wurde mir alles klar. Auch am achten Mai ist ein Feiertag, "Victoire 1945", an diesem Tag wird das Ende des Zweiten Weltkrieges gefeiert, die Kapitulation Deutschlands und damit der Sieg über dieses Land. An diesem Tag war ich nicht da.

Sonst gab es noch einen Tag, an dem von morgens bis abends nur Crêpes gegessen wurden, das hat mir sehr gut gefallen, ich kann mich aber leider nicht mehr an das Datum erinnern. Alle weiteren Feiertage habe ich leider nicht miterlebt, ich war an Ostern nicht da und am ersten Mai "La Fête du Travail" auch nicht.


DIE STADT LYON

Lyon ist die Hauptstadt der Region Rhône-Alpes und liegt in Südostfrankreich, ca. zwei Stunden vom Mittelmeer entfernt und ca. drei Stunden von Paris. In der Mitte Lyons treffen die beiden Flüsse Rhône und Saône aufeinander und bilden eine Halbinsel, die das Zentrum der Stadt darstellt. Lyon ist mit seinen 1.262.000 Einwohnern und seinem großen Wirtschafts- und Kulturzentrum die zweitgrößte Stadt Frankreichs.

Lyon ist etwa 1900 Jahre alt und wurde wahrscheinlich von den Römern gegründet. Der älteste Teil der Stadt "Vieux Lyon" liegt am rechten Saôneufer, dort ist das römische "Forum Vetus" mit zwei römischen Theatern. Vieux Lyon ist sehr verwinkelt mit vielen engen Gässchen und mittelalterlichen Häusern.

Seit dem 15. Jh. war Lyon der Hauptsitz der Seidenwebereien Frankreichs. Nach 1800 ließen sich die Seidenweber in dem Viertel "Croix Rousse" nieder, sie waren mit ihrer Heimarbeit sehr erfolgreich.

Das Geschäftsviertel "La Part-Dieu" entstand 1960 und ist demnach sehr modern. Der Architekt T. Garnier erbaute dort von 1972 bis 1977 einen riesigen Turm für eine Bank, den "Tour de Crédit Lyonnais". Auch ein riesiges modernes Einkaufszentrum wurde dort gebaut.

Der "Place Bellecour" in der Mitte der Halbinsel ist Zentrum der Stadt. Auf dem Place Bellecour steht die Statue von Louis XIV, seit dem 17. Jahrhundert.

Gegenüber der Lyoner Staatsoper steht das Rathaus "Hôtel de Ville", dort werden oft wichtige politische Sachen abgewickelt mit berühmten Politikern, dann ist der "Place de Terreaux" übersät mit Polizisten.

In Lyon gibt es vier sehr große Universitäten: Lyon 1, Lyon 2, Lyon 3 und eine katholische Universität.

Es gibt noch viele tolle Attraktionen in Lyon, aber die sollte man sich besser selber ansehen.

L'Opéra de Lyon:

Die Staatsoper Lyons wurde ursprünglich 1831 gebaut, doch 1993 wurde sie komplett umgestaltet, und es blieben nur die alten Grundmauern. Der Architekt J. Nouvel machte aus der alten Oper einen riesigen modernen Palast aus Glas mit prachtvoller Innenausstattung.

Notre Dame de Fourvière

Die Wallfahrtskirche Notre Dame de Fourvière steht auf dem Berg "Mont Fourvière", sie wurde von 1872 bis 1896 erbaut zu Ehren der Jungfrau Maria. Die fremdartig gebaute Kirche ragt mit ihren vier achteckigen Türmen über die Stadt. Daneben steht eine Wallfahrtskapelle des 18.Jh. Notre Dame de Fourvière ist eines der Hauptziele der Besucher Lyons.

La Cathédrale Saint-Jean:

Die Kathedrale Saint-Jean steht in dem ältesten Viertel Lyons "Vieux Lyon", sie wurde zwischen dem 12. und dem 15. Jahrhundert erbaut und hat eine spätgotische Fassade, mit Glasfenstern des 13. Jh. und einer astronomischen Uhr von 1598.


12klarb.htm
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