Marburger Forum    Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 2 (2001), Heft 4



  "Nachdichtungen": Philip Larkin meets Ulrich Horstmann

 

Ein Arundel-Grab

In Stein gemeißelt liegen sie beisammen,
Graf, Gräfin, mit den ausgelöschten Zügen,
nur angedeutet hat ihm seine Rüstung zu genügen;
ihr steifer Faltenwurf läuft auf die Hündchen zu,
denen der Anhauch des Absurden zu entstammen
scheint, denn zwei Paar Füße betten sie zur Ruh.

Die präbarocke Schlichtheit hält den Blick
kaum fest, bevor der eine Panzerhandschuh nicht
ins Auge fällt, der leere, den der andere in der Pflicht
umklammert hält, woraus die Hand sich fortgestohlen hat
– ein zarter Schrecken kriecht uns ins Genick –,
um ihre Hand zu suchen, schmal und glatt.

Sie ahnten nicht, so lange hier zu liegen.
Die Abbildtreue, das Detail im Stein,
war ihren Freunden zugedacht allein,
war die Gefälligkeit für Steinmetzlohn,
die Namen, die sich um den Sockel schmiegen,
noch länger vor Verfall zu schützen und vor Erosion.

Sie rieten nicht, wie früh
auf ihrer aufgebahrten, standorttreuen Reise
die Luft sie schädigte auf nie gehörte Weise,
die alte Lehnsherrschaft zunichte machte,
wie bald statt ihresgleichen jeder Parvenü
nicht liest, nein, schaut. Doch das entfachte

nur ihren Starrsinn, der im Bund
dem Lauf der Zeiten widerstand. Schnee fiel.
Nach jeder Winterblässe zeigt das Glas ein Sommerfarbenspiel.
Von hellen Vogelrufen überstreut
dehnt sich verknöchert Friedhofsgrund.
Den Pfad hinauf verwandeln sich die Leut,

ein Abwasch, der beim alten bleibt.
Sie aber, hilflos in dem Tal
der Ungewappneten, dem Trog so unfeudal
vom Rauch und seinen zähen Fahnen
über der Schlacke dessen, was Geschichte schreibt,
sie lassen nur noch eine Haltung ahnen:

Die Zeit hat sie verklärt
ins So-nicht-Wahre. Was sie kaum meinten,
als sie in ewiger Treue dort versteinten,
ist jetzt ihr Ruhmestitel – zum Beweis,
daß der Beinah-Instinkt sich jederzeit beinah bewährt,
der unsere Liebe überdauern heißt um jeden Preis.

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Ulrich Horstmann

Der Winterpalast

Die Mehrzahl lernt dazu, kaum daß die Leute älter werden:
ich mach mir damit keinerlei Beschwerden.

Mit fünfzig war das alles rückstandsfrei vergessen,
was ich an universitärem Wissen je besessen.

Auch blend ich aus, was sich seither ereignet hat,
die jeder kennt, sind für mich längst ein unbeschriebenes Blatt,

erreg schon Anstoß, weil mir auch Gesichter glatt entfallen,
und leugne manchen Aufenthalt im angeblich Erinnerungsprallen.

Die ganze Übung ist durchaus der Mühe wert,
wenn sie am Ende mich von aller Schädlichkeit entleert.

Denn schließlich weiß ich gar nichts mehr.
Wie Schnee und Felder in sich selbst gekehrt, entkopf ich ohne Gegenwehr.

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Philip Larkin

Sympathie in Weiß-Dur

Erst gebe ich vier Würfel Eis
unter Geklingel in ein leeres Glas,
dann drei Schuß Gin sowie mit Fleiß
nach der Zitrone alles, was
der Tonic-Flasche aus der Gurgel gluckst,
in Schaum und Flut bis an den Glasrand steigt,
dann proste ich privat und zugeneigt:
Dem Menschenfreund – er hat sein Leben nicht verjuxt.

Wo andere Leute von der Stange
saisongerecht mit Menschlichem sich eingedeckt,
da wahrte ich im Auftrag die Belange
der Kundschaft dessen, was dahintersteckt;
für sie und mich hat sich der Vorhang nie gehoben,
doch immerhin blieb jeder näher dran
am ganzen Wirbel – oder dachte man –,
als das Verpassen still und einsam durchzuproben.

Anständiger Kerl, das ist gar keine Frage,
kein krummes Holz, nein, erste Wahl,
famos der Mann, vom allerbesten Schlage,
wie überragt er doch das Durchschnittsmaterial.
In wieviel Leben fiel sein Licht
durch guten Rat, durch eine kleine Geste?
Prost also auf die weiße Weste –
doch weiß ist meine Lieblingsfarbe nicht.

 

Mr Bleaney

„Gehörte Mr Bleaney, dieses Zimmer. War bei
der Autostanze, wohnte hier die ganze Zeit
bis zur Verlegung.“ Zerschlissener Vorhang,  Blümchenallerlei,
Abstand zur Fensterkante ein paar Finger breit;

hinter der Scheibe liegt ein Baulandstreifen
voll Gras und Müll. „Und Mr Bleaney
ließ im Garten gar nichts schleifen.“
Bett, Stuhl und Birne bietet das Logis,

nur Kleiderhaken, Buchregale nicht. Das hätt ich wetten
mögen und – nehm’s doch. Und liege so entschärft,
wo Mr Bleaney lag, und drücke meine Zigaretten
im selben kitschgeschmückten Unterteller aus, genervt

vom Radio, das trotz der Watte in den Ohren dröhnt
und Mr Bleaney ihr zum Kauf empfohlen hat.
Die festen Zeiten, die er sich in allem angewöhnt,
sind mir bekannt, die Soßen stehen auf demselben Blatt,

das Totospiel, das er nicht lassen konnte,
und die Schablonen für den Urlaubsplan:
erst Frinton, wo er sich im Sommer sonnte,
und Stoke, bei Schwesterherz, Weihnachten dann.

Doch stünde er und säh den scharfen Winden zu,
wie sie den Wolken in den Haaren liegen,
und sagte fröstelnd zu sich auf dem Muffbett: Du
bist zu Hause hier, ohne die Ängste zu besiegen,

daß, wie wir leben, unser Wesen offenbart
und einer, der für eine so bemessene Kiste blecht,
mit Sicherheit gemessen an Standard
nicht mehr verdient, dann weiß ich nicht so recht.


Nach seinen Übersetzungen aus dem Englischen und Amerikanischen – darunter Werke Jack Londons (Werke in vier Bänden, 1990/91), Robert Burtons ("Anatomie der Melancholie", 1988), James Thomsons ("Nachtstadt, 1992) , Oscar Wildes (Das Bildnis des Dorian Gray", 1992) und Ted Hughes' ("Gedichte", 1999) –, stellt der Gießener Literaturwissenschaftler und Autor Ulrich Horstmann jetzt seine rund sechzig Gedichte umfassende Auswahl aus dem Werk des englischen Lyrikers Philip Larkin (1922-1985) vor. Dass die Veröffentlichung einer zweisprachigen Larkin-Ausgabe aus urherberrechtlichen Gründen scheiterte und Horstmanns "Nachdichtungen" nun elektronisch eingefroren wurden (philip-larkin.de), mag aus dem Blickwinkel eines naßforschen Realisierungszwanges bedauerlich erscheinen. Der besonnenere Leser aber hält es mit einem Aphorismus aus Horstmanns "Einfallstor" (1998): "Geschützt und vertraglich gebunden läßt sich das meiste zu Markte tragen. Nur die Wahrheit ächzt unter dem Copyright." (Frank Müller)