Die Homöopathie ist eine umstrittene alternativmedizinische Methode. Vor etwa 200 Jahren von dem Arzt Samuel Hahnemann entwickelt, widersprechen ihre Vorstellungen weitgehend den Erkenntnissen, die die wissenschaftliche Medizin seither über Entstehung und Verlauf von Krankheiten gesammelt hat. Die Medizinische Fakultät der Universität Marburg erklärte im Ärzteblatt vom 3. März 1993 die Homöopathie zur Irrlehre: Ihr Wirkprinzip sei (unabsichtlich durchgeführte) Täuschung des Patienten, verstärkt durch die Selbsttäuschung des Behandlers". Zahlreiche Verbände und ärztliche Gesellschaften dagegen haben die die Homöopathie auf ihr Banner geschrieben. Befürworter und Gegner der Homöopathie stehen einander meist verständnislos, ja feindlich gegenüber (12,20,25,34,39,43,55,49). "Das Fragezeichen hinter dem Titel muß weg!", sagen die Gegner. Und Hardliner fügen hinzu, Homöopathie sei nichts als Betrug und Scharlatanerie. Befürworter halten dagegen: Die gut dokumentierten Heilerfolge in Fällen, bei denen die sogenannte "Schulmedizin versagt" habe, seien Legion, und wer heilt, der habe doch Recht. 1975 setzte jeder sechste in Deutschland niedergelassene Arzt regelmäßig homöopathische Mittel ein und bestätigte in einer schriftlichen Umfrage, daß sie spezifisch wirksam seien. Heute verschreiben 75% der niedergelassenen Ärzte in Deutschland zumindest gelegentlich homöopathische Mittel. Und die Patienten? 90% der Bundesbürger seien, laut Umfragen, erklärte Fans der Außenseitermedizin - so der der "Nürnberger Anzeiger" vom 17.7.1996. Zwei Drittel der Patienten seien mit der Behandlung zufrieden, bei der wissenschaftichen Medizin nur ein Fünftel. Heiler, die keine fundierte medizinische Ausbildung hatten, nannte man früher kraß "Kurpfuscher" und "Quacksalber". Heute spricht man von sanfter Medizin, Erfahrungsheilkunde, Naturmedizin, von unkonventioneller oder biologischer Medizin, Komplementär- oder Alternativmedizin: Begriffe, die suggerieren, daß es hier um Verfahren mit speziellen, natürlich-biologischen Merkmalen geht, die in der "verstaubten Schulmedizin", wie sie abwertend genannt wird, nicht vorhanden seien. Solche Abgrenzungsversuche sind in keiner Weise angebracht, denn der Unterschied zur wissenschaftlichen Medizin liegt ganz woanders. Werden dort die Verfahren immer wieder mit wissenschaftlichen Methoden überprüft und korrigiert, lehnen Verteter der Paramedizin sorgfältige wissenschaftliche Untersuchungen überwiegend ab: Sie seien für sie "unangemessen". Aber wie anders kann man wirksame Verfahren von unwirksamen Verfahren unterscheiden?
Placebogene
Nocebogene
Die Homöopathie scheint sich, ebenso wie andere alternative Verfahren, in der Praxis zu bewähren. Ist also ihre Theorie wahr, soll sie in die wissenschaftliche Medizin integriert werden, an Hochschulen erforscht und gelehrt? Unbestritten ist, daß homöopathische Mittel bei vielen Beschwerden helfen können, also wirksam sind. Hier geht es aber darum, zu beweisen, daß ihre Wirksamkeit über einen reinen Placebo-Effekt - die positive Folge einer Scheinbehandlung - hinausgeht. Die Forderung nach objektiver Überprüfung hat nichts zu tun mit materiell-reduktionistischem Denken, sondern allein mit logischem Denken und dem redlichen Bemühen, zwischen wahren und falschen Aussagen zu unterscheiden.
Am Anfang der Homöopathie, die oft irrtümlich mit der Anwendung pflanzlicher Heilmittel (Phytotherapie) gleichgesetzt wird, steht die
Zur Zeit Hahnemanns verschrieb die wissenschaftliche Medizin oft unwirksame, ja sogar giftige Substanzen, sogenannte Drastika. Paracelsus verwendete z.B. Bleiacetat oder Quecksilberchlorid, und viele Patienten starben daran. Demgegenüber hatte Hahnemann durchaus gewisse, wenn auch keineswegs überwältigende Erfolge. Durch den Verzicht auf schädliche Drastika war die Homöopathie damals wohl die bessere Alternative.
Hat Hahnemann also recht? Oberflächlich betrachtet laßen sich Analogien zur Simile-Regel finden (27). Man kann die körpereigenen Abwehrsysteme, von denen Hahnemann nichts ahnte, manchmal durch daßelbe Mittel, das eine Krankheit auslöst, dazu anregen, diese zu besiegen. Diese wenigen Fälle aber sind seltene Ausnahmen. Genau betrachtet hat nämlich z.B. das Prinzip der Impfung mit Homöopathie nichts zu tun, denn man kann damit eine Krankheit nicht behandeln: Impfen muß man, bevor sie ausbricht. Auch die "gleichsinnige" Behandlung eines Durchfalls mit Rhizinusöl, die den Organismus beim Ausscheiden von Schadstoffen unterstützen soll, entspricht formal der Simile-Regel, ohne diese damit zu einem Naturgesetz ("Ähnliches heilt Ähnliches") zu erheben.
Beispiele, die bei oberflächlicher Betrachtung der Simile-Regel zu folgen scheinen:
Gelegentlich wirken also niedrige Dosen besser als hohe. Das heißt aber nichts anderes, als daß Medikamente, die man in der richtigen Dosis einsetzt, besser helfen als wenn man zu viel davon nimmt.
Und wie wirken die etwa 12000 handelsüblichen Homöopathika, die in Deutschland ohne jegliche Kontrolle vertrieben werden? Sind sie konzentiert genug, gibt es immer Wirkungen. Alle Fremdstrukturen in Konzentrationen, die das körpereigene Abwehrsystem als unphysiologisch erkennt, führen zu einer zunächst unspezifischen Aktivierung zellulärer Komponenten des Immunsystems (4,22,27,28), im Einklang mit der Lehre Hahnemanns, die sich als Reiztherapie versteht. Aber: Auch die Injektion einer harmlosen Kochsalzlösung führt zu einer unspezifischen Aktivierung des Immunsystems (4)! Bei einer Reihe von Erkrankungen gibt es hohe Erfolgsraten: bei Heuschnupfen 65-85%, bei weiblicher Unfruchtbarkeit soll die Erfolg vergleichbar sein wie bei wissenschaftsmedizinischer Behandlung.
Um aber die Wirksamkeit irgendeiner Therapie zu beurteilen, müssen wir wissen, welchen Anteil daran ein Effekt hat, der oft verkannt, mißverstanden, ja geleugnet wird: der Placebo-Effekt.
Placebo (lateinisch) heißt: "Ich werde gefallen". Es kann eine Scheinbehandlung sein, oder ein Scheinmedikament, ein Leerpräparat, Blindpräparat oder Falsum - im Gegensatz zur echten Arznei, zum Verum. Ein Medikament von gleichem Aussehen, gleicher Konsistenz und gleichem Geschmack, aber ohne Wirkstoff, das der "psychotropen Therapie" dient. Der Placebo-Effekt beruht also auf reiner Suggestion, die sich auf sehr komplexe, noch weitgehend unerforschte Weise psychosomatisch auswirkt.
Sollte der Erfolg der Außenseitermedizin nur auf dem Placebo-Effekt beruhen? Hier gibt es sofort lautstarken Protest: "Wir foppen doch die Patienten nicht mit Placebos!" Ein kleiner Test ist hier aufschlußreich. Prüfen Sie selbst: Welche der Aussagen halten Sie für richtig?
Wieviele NEINs haben Sie? Weniger als fünf? Dann liegen Sie falsch. Alle fünf Aussagen stimmen nicht! Verbreitet ist die Meinung: "Placebos wirken nur bei Spinnern, Okkultisten, labilen Personen, die sich leicht beeinflußen lassen, und bei sonstigen Idioten". Natürlich fühlt sich niemand einer dieser Kategorien zugehörig. Ergo: "Bei mir wirken Placebos nicht. Das, was bei mir wirkt, muß etwas Echtes sein!"
Völlig falsch! Placebos können bei allen Menschen wirken, gerade auch bei denen, die sich für absolut nicht "anfällig" halten. Es ist also das herrschende Vorurteil zu bekämpfen, Placebos seien "Medikamente für Dumme". Begriffe wie "Suggestion" oder "psychosomatisch" werden immer mißverstanden: "Psychosomatisch? Nicht bei mir! Ich bin doch nicht verrückt!"
Obwohl der Placebo-Effekt prinzipiell mit einer Selbsttäuschung verbunden ist, ist er keine Einbildung, und es ist keine Selbsttäuschung, wenn er hilft. Er bietet vielmehr eine wunderbare Chance, die körpereigenen Selbstheilungssysteme zu mobilisieren. Davon profitiert auch die wissenschaftliche Medizin in hohem Maß, aber nur, solange der Patient ihr im Grunde seines Herzens vertraut.
Wie kann man den Placebo-Effekt einer Behandlung messen? Jedenfalls nicht, indem man in sich hineinhört und sich fragt: "Habe ich an die Behandlung geglaubt oder nicht?" Denn was wir bewußt glauben, kann etwas ganz anderes sein als das, was wir unterbewußt glauben, hoffen oder fürchten.
Jede medizinische Behandlung enthält grundsätzlich zwei Komponenten: einer psychosoziale und eine physikalisch-chemische Botschaft, die sich direkt physiologisch auswirkt. Bei der Behandlung einer psychosomatischen Erkrankung ist der psychosoziale Anteil maximal, bei chirurgischer Entfernung einer Krebsgeschwulst ist er klein, aber dennoch vorhanden.
Der Idealfall liegt vor, wenn gläubige Patienten von charismatischen Ärzten behandelt werden. Denn es gibt Placebo-Effekte natürlich auch in der wissenschaftlichen Medizin. Roberts et al. (38) faßten fast 7000 Fallstudien zusammen, in denen bei völlig wirkungslosen Therapien das Heilungsergebnis bei 70% der Patienten ausgezeichnet oder gut war:
Unwirksame, aber erfolgreiche Behandlung von "gläubigen" Patienten durch "gläubige Ärzte" (nach 38):
Die Geschichte der Medizin ist übersät mit Überbleibseln wirkungsloser Therapien, von denen einst fast alle annahmen, daß sie wirkten! Wie leicht sich Menschen psychisch beeinflussen lassen, zeigen Massenhysterien: kollektive Illusionen, die zum plötzlichen Ausbruch von "mysteriösen Krankheiten" führen mit unspezifischen Symptomen wie Erbrechen, Kopfschmerzen, Atemnot und Ohnmacht.
Die meisten Erfolge hat die Homöopathie bei Erkrankungen, bei denen Placebos bei rund 50% der Patienten helfen können: bei Magengeschwüren, Schlaflosigkeit, Verstopfung, Angina pectoris, Migräne. Bei Patienten mit Migräne oder Tinnitus, denen wissenschaftliche Medizin nicht helfen konnte, gab es z.B. Heilerfolge nach "klassischer" Akupunkturbehandlung. Die Erfolgsrate lag aber ebenso hoch, wenn, ohne Wissen des Patienten, "falsche" Placebo-Akupunkturpunkte gereizt wurden (2,17). Bei Infektionskrankheiten und Leukämie dagegen, für die man wirksame wissenschaftsmedizinische Arzneien kennt, scheint Alternativmedizin kaum zu wirken.
Bei Kleinkindern und Tieren gebe es keinen Placebo-Effekt geben, also sei in diesen Fällen der Behandlungserfolg direkt abzulesen? Weit gefehlt! Selbstverständlich gibt es Placebo-Effekte in Form von Suggestion auch bei Kindern. Jeder Kinderarzt weiß, daß man die Mutter in die Behandlung einbeziehen muß: Sie ist Hauptempfänger der psychosozialen Botschaft und gibt sie als ihre Erwartungshaltung unbewußt an das Kind weiter.
Placebo-Effekte wies man in Doppelblindversuchen auch bei Haustieren nach. Diese können die Körpersprache vertrauter Bezugspersonen lesen. Erleben sie deren Vertrauensverhältnis zu dem ihnen unbekannten Therapeuten, so reagieren sie konditioniert im Sinn einer Placebowirkung. Wird das Placebo-Präparat auch noch mit liebevoller Hinwendung verabreicht, hat die Heilung gute Chancen. (26,27). Zusätzlich führt die Erwartungshaltung des behandelnden Arztes bei diesem selbst zu "selektiver Wahrnehmung": Er neigt dazu, Heilerfolge zu diagnostizieren, die er unbewußt zu finden erwartet.
Wie stark wirken Placebos?
Krebspatienten, die unter Schmerzen litten, bekamen entweder das bewährte Schmerzmittel Naproxen oder ein Placebo. Wußten sie nicht, daß sie das echte Schmerzmittel geschluckt hatten, so wirkte dieses schwächer als ein Placebo, das sie als vermeintliches Schmerzmittel eingenommen hatten (3,5)! Von 40-60% von 3848 Patienten, bei denen keine eindeutige Diagnose möglich war, erhielten 43%, zufällig ausgewählt, Placebos. 82% von ihnen fühlten sich dadurch nach eigenen Angaben gebessert (43).
Der Versuch war aber noch aufschlußreicher. Die Patienten wurden nämlich randomisiert, ohne ihr Wissen, in vier vergleichbare Gruppen unterteilt. Zwei Gruppen erhielten eine "positive Konsultation": Der Arzt verschwieg, daß er die Ursache ihrer Beschwerden nicht erkannt hatte und versicherte stattdessen emphatisch, bei ihnen werde alles in Ordnung kommen und sie würden sich bald besser fühlen. Die eine Untergruppe bekam "zur Unterstützung der Heilung" ein Placebo-Medikament, die andere nicht. Die beiden anderen Gruppen erhielten eine "negative Konsultation": Der Arzt sagte wahrheitsgemäß, er sich über die Ursache der Beschwerden nicht im klaren. Wiederum erhielt eine Untergruppe ein Placebo-Medikament mit der Bemerkung, daß es ihnen vielleicht helfen werde, und die andere Gruppe bekam nichts. Die Heilungsrate betrug nach positiver Konsultation 64% und nach negativer 39%, unabhängig davon, ob Placebo-Medikamente gegeben wurden, oder nicht! Keine Behandlung vorzunehmen, war also ebenso erfolgreich wie die Verschreibung eines Placebo-Medikaments, unabhängig davon, ob die Konsultation positiv oder negativ war. Die Diagnose "keine Behandlung nötig" wird also vom Patienten ohne Nachteile akzeptiert!
Die Wunderdroge der außenseiter-Medizin ist also gar nicht das Placebo-Medikament selbst. Es steht allein in der Macht des Therapeuten, seine Patienten sich besser fühlen zu lassen. Es genügt ein Arztbesuch ohne jede Behandlung. Der "Wirkstoff" des Placebos ist also der Heiler selbst!
Leider glauben die meisten Ärzte, daß über 80% ihrer Patienten die Verschreibung eines Medikaments erwarten. In Wirklichkeit sind es nur knapp die Hälfte sind (43-52%). Nur wenige Ärzte wissen, daß Patienten oft keine Behandlung brauchen außer dem Kontakt mit ihnen. Und so nutzen sie Placebos zu wenig aus, weil sie sie irrtümlich mit Scharlatanerie assoziieren. Dabei sind die objektiv meßbaren Behandlungserfolge erstaunlich: bei Kopfschmerzen 62%, bei Seekrankheit 58%, bei rheumatischen Erkrankungen 49%, bei Erkältungskrankheiten 45% (16,29).
Ein Beispiel macht klar, daß nicht alles, was hilft, auch wirkt. Ein Kind ist hingefallen und weint. Die Mutter holt eine Dose mit, wie sie sagt, "schmerzlindernden Leckerli" und zieht das Kind zu sich auf den Schoß. Ein Stückchen Schokolade auf die schmerzende Stelle gelegt, mit der Zuage, das Kind könne es haben, sobald der Schmerz vorüber seien, wirkt Wunder.
Will man die Wirkung von echten Arzneien mit der von Homöopathika vergleichen, so ist es unerläßlich, zusätzlich eine Placebo-Gruppe einzuplanen. Drösemeier (8) fand keinen Unterschied zwischen Homöopathikum und Placebo und ebensowenig zwischen Arznei und Placebo. Ohne Placebogruppe wäre also das Homöopathikum als ebenso wirksam erschienen wie die echte Arznei! Tatsächlich waren aber in diesem speziellen Fall homöopathische und wissenschaftsmedizinische Behandlung gleich wirkungslos.
Das Argument, Homöopathie sei "ein Gebiet, wo man mit streng wissenschaftlicher Methodik nicht vorgehen könne", ist falsch. Der Erfolg jeder Therapie läßt sich objektiv statistisch prüfen, aber nur in Doppelblind-Experimenten, bei denen der Placebo-Effekt quasi "herausgekürzt" wird. Im Idealfall sollte selbst der Therapeut nicht wissen, daß er einen Test durchführt, was in der Praxis schwer realisierbar ist. Da Menschen allein aufgrund des unspezifischen Placebo-Effekts gesunden können, muß man mindestens, zufallsverteilt, zwei gleichartige Patientengruppen bilden: Die eine erhält die zu prüfende Behandlung, die Kontrollgruppe eine Scheinbehandlung oder ein Placebo-Präparat. Damit beide Gruppen ansonsten völlig gleich behandelt werden, dürfen weder die Patienten noch die Therapeuten wissen, wer die echte Arznei und wer das Placebo erhält. Damit ist der Placebo-Effekt in beiden Gruppen gleich, und Unterschiede zwischen ihnen müssen dann allein auf die Behandlung zurückgehen. Noch unverfälschtere Ergebnisse liefern "überkreuzte" Doppelblindstudien, bei denen nach einer vorher festgelegten, genügend langen Behandlungszeit Placebo und Arznei gegeneinander ausgetauscht und die Behandlung fortgeführt wird. Formal sauber sind eigentlich nur Untersuchungen, bei denen auch die Forderung der Homöopathen erfüllt ist, jeden Patienten individuell zu therapieren. Schließlich muß alles unter kontrollierten Versuchsbedingungen geschehen, um betrügerische Manipulationen auszuschließen (35,39).
Solche objektiven Tests, bei der wissenschaftlichen Medizin Standard, verliefen bisher negativ (27,28,32-34). Von Außenseitermedizinern werden sie meist als unangemessen abgelehnt. Stattdessen verweist man auf eindrucksvolle Fallbeispiele von geheilten Patienten. Diese anekdotischen Belege sind zwar emotional überzeugend, aber ohne jede Beweiskraft: Positive Einzelfälle - Patienten mit längerer Überlebenszeit - kommen in allen Kollektiven vor (1), es bleibt völlig unklar, welchen Anteil der Placebo-Effekt hatte, und es wird verschwiegen, bei wieviel Patienten die Behandlung erfolglos war.
Bei zweifelhaften Behandlungsmethodenreichen auch "klinische Tests" nicht aus, um die Wirksamkeit objektiv zu prüfen, denn sie sind, oft trotz gegenteiliger Beteuerung, fast nie doppelblind: Die Resultate werden ungewollt durch Erwartungshaltungen von Versuchsleiter und Patient verfälscht.
Wir halten es für unethisch, eine Behandlung zu propagieren, bei der nicht geprüft wurde, ob sie besser hilft als ein Placebo. Aussagekräftig wäre nur ein Test, den man möglichst ganz hinter dem Rücken der Hauptbeteiligten durchführt. Individuell verschriebene homöopathische Präparate müssten bei der Hälfte der Patienten, ohne deren Wissen und ohne Wissen der behandelnden Homöopathen, mit gleich aussehenden, anerkannt unwirksamen Placebos vertauscht werden. Ist die Behandlung damit unvermindert erfolgreich, entlarvt sich das Grundkonzept der Homöopathie als reines Phantasieprodukt, dessen praktische Wirksamkeit allein auf dem Placebo-Effekt beruht.
Selbst in Doppelblind-Studien kann es zu positiven Effekten unwirksamer Arzneien kommen, weil Patient und Arzt anhand der Nebenwirkungen der Arznei manchmal erkennen können, wer es bekam. Und das führt unbewußt zu der Erwartung, daß es solchen Patienten besser gehen muß ("self fulfilling prophecy"). Das kann man prüfen, indem man Placebos gibt, die dieselben Nebenwirkungen haben wie das echte Medikament: Dann schwindet der Unterschied zum Placebo meist dahin.
Einer Gefahr sind alle Therapeuten ausgesetzt: der "therapeutischen Illusion": Bei zweifelhafter Diagnose verordnen Ärzte häufig Behandlungen, von der sie wissen, daß sie nur als Placebo wirken. Gesundet der Patient, verführt der scheinbare Erfolg dazu, Diagnose und Behandlung irrtümlich für richtig zu halten. Ein Beispiel ist die sinnlose Verschreibung von Antibiotika bei viralen Infektionen. Vielen Ärzten wird nämlich in ihrer Ausbildung nicht beigebracht, daß Patienten oft keine Behandlung brauchen außer ermutigende Worte eines Arzt, der sich ihnen menschlich zuwendet.
Obwohl seit 50 Jahren intensiv erforscht, ist noch kaum bekannt, auf welche Weise der Placebo-effekt den Krankheitsverlauf beeinflußt. Man weiß, daß Placebo-Behandlungen auf das Immunsystem einwirken, endogene Opiate freisetzen können, und daß es kaum Placebo-resistente Erkrankungen gibt (11, 29). Ärzte wissen, daß man Medikamente, die neu auf den Markt gekommen sind, schnell verwenden sollte, solange sie noch wirken. Denn sie erzeugen Hoffnung bei Patient und Arzt, und das führt bei beiden zu starken Placebo-Effekten.
Homöopathie hat einen großen Vorteil: Im Gegensatz zur Wissenschaftsmedizin, wo der Patient oft auf besserwisserische Arroganz der "Götter in Weiß" trifft, geht der Homöopath intensiv auf die psychische Befindlichkeit seiner Patienten ein. So fühlt sich der Patient verstanden, was den Placebo-Effekt ungemein steigert.
Was spricht eigentlich dagegen, medizinische Außenseiterverfahren in der Praxis einzusetzen, solange sich ihr Placebo-Effekt segensreich auswirkt? Wer hier nach dem Motto urteilt "wer heilt, hat recht", der irrt. Denn der Placebo-Effekt der paramedizinischen Behandlung ist untrennbar gekoppelt mit seinem negativen Gegenspieler, dem "Nocebo-Effekt", und der geht zu Lasten der konventionellen Wissenschaftsmedizin! Er bewirkt, daß objektiv anerkannte, bestens erprobte Arzneien weniger gut wirken, wenn der Patient Angst hat vor der "schädlichen Chemie", die darin enthalten sei, oder wenn er dem Arzt, bewußt oder unbewußt, mißtraut.
Der Nocebo-Effekt läßt sich leicht messen. Bei jeder Neuzulassung eines Medikaments müssen ja Placebo-kontrollierte Doppelblind-Test vorgewiesen werden. Natürlich werden dabei alle Patienten über evtl. zu erwartende Nebenwirkungen des echten Medikaments informiert, unabhängig davon, ob sie dieses erhalten oder das Placebo. Ahnen Sie, unter welchen Nebenwirkungen die Placebo-Empfänger litten? In einer Chemotherapie-Studie fielen einigen der Beteiligten, die Placebos erhalten hatten, die Haare aus, weil sie glaubten, daß Chemotherapie immer zu Haarausfall führt (5).
Der "Nocebo-Effekt" zeigt sich deutlich in einer krankmachenden Angst vor eingebildeten Gefahren (15,16). Welches Gefahrenpotential die Angst hat, könnte sich in der Tatsache zeigen, daß die Leukämierate bei Kindern etwas erhöht war, wenn sie in der Nähe von Kernkraftwerken wohnten - auch in der Nähe von Werken, die erst in Planung waren (23,30)! Nocebos können also unerwartet stark wirken (29). Durch sie leiden viele Patienten an rein psychosomatischen Beschwerden wie z.B. Hypoglykämie (niedriger Blutzuckerspiegel), Allergien, Dermatitis, Hefe-Infektionen und Amalgamvergiftung.
Ein anderes Beispiel ist der "Elektrosmog". Daß er die Gesundheit gefährdet, ist unter Fachleuten umstritten. Der ängstliche Laie aber glaubt rasch an Gefahren, hört er doch von Fällen, bei denen chronische Gesundheitsprobleme nach Beseitigung der angeblichen Störquelle verschwanden. Beweise erbringen aber nur echte Doppelblindstudien, bei denen weder die Betroffenen, noch ihre Therapeuten wissen, ob die Geräte, um deren mögliche Schadwirkung es geht, eingeschaltet waren, oder nicht.
Es geht hier nicht darum, mögliche Gefahren, die von Elektrosmog ausgehen könnten, zu verharmlosen. Natürlich kann man die elektromagnetischen Wechselfelder, die durch die Elektrotechnik entstehen, messen - im Gegensatz zu den angeblichen "Erdstrahlen", die Wünschelrutengänger vergeblich nachzuweisen suchten (48). Und es ist Vorsicht geboten, solange man mögliche Gefahren nicht ausschließen kann. Wir halten es aber für unverantwortlich, Angst zu machen vor etwas, dessen schädliche Wirkung nicht durch sorgfältige Untersuchungen belegt ist, denn das bedeutet eine echte Gefährdung der Gesundheit der Bevölkerung.
Merkmale von Nocebo-Effekten:
Wie sieht die Erfolgsbilanz der Homöopathie aus, wenn wir den Placebo-Effekt berücksichtigen? Keine signifikant bessere Wirksamkeit im Vergleich mit Placebos beschreiben z.B. Hill & Doyon (18,37). Homöopathisch erfahrene Ärzte haben über 100 kontrollierte Studien durchgeführt. Sie hatten z.T. positive, z.T. - meist bei Wiederholung einer positiven Studie! - negative Ergebnisse. Fast alle sind methodisch fehlerhaft. Sie sind in der, allerdings umstrittenen, Arbeit von Kleijnen et al.(27) zusammengefaßt. Brauchbare Doppelblindstudien sind selten:
Statistisch signifikante Ergebnisse von Doppelblindstudien bei homöopathischer Behandlung:
Daß "potenzierte" Arzneimittel im Vergleich zu nur im selben Grad verdünnten Mitteln im Doppelblindversuch besser abschneiden, wurde bisher noch nie glaubhaft bewiesen. 1988 aber schien der Durchbruch gelungen. Jaques Benveniste behauptete in der internationalen Wissenschaftszeitschrift Nature, daß hochpotenzierte (anti-IgE-) Lösungen, die keine Wirkstoffmoleküle mehr enthielten, wirksam waren: der erste Beweis der homöopathischen Theorie! Die Publikation führte aber zu einem Wissenschaftsskandal (35). Eine neutrale Untersuchungskommission deckte auf, daß die Ergebnisse entgegen den Aussagen von Benveniste nicht doppelblind gewesen waren, und daß man gefälschte, nämlich selektierte Daten verwendet hatte. 1993 wiederholte ein britisches Forscherteam die Versuche, unterstützt von homöopathischen Arzneifirmen und Homöopathie-Forschungseinrichtungen. Ergebnis: negativ.
Woher aber kommt dann der gute Ruf, den die Homöopathie genießt? Viele chronische Krankheiten, beispielsweise Arthritis und multiple Sklerose, haben einen variablen Symptomverlauf. Alternativmedizinische Behandlung sucht man natürlich besonders in schlechten Phasen. Daher sind die Chancen gut, daß man sich in den Tagen danach besser fühlen wird, auch wenn das mit der Behandlung nichts zu tun hat. In solchen Fällen können Paramediziner jeglicher Couleur, aber auch Ärzte, leicht "Erfolge" vorweisen. Zudem können selbst schwere Erkrankungen spontan ausheilen: Es gibt 170 gut dokumentierte Fälle von Spontanheilungen bei Krebs (10).
Spontane Besserungsraten
Liest der Patient auf dem Beipackzettel seines Homöopathikums, Nebenwirkungen seien unbekannt, fühlt er sich sicher. Dabei hat meist keiner nach ihnen geforscht! Der Slogan "Heilen ohne Nebenwirkungen", der quasi eine Steigerung des Heilungsanspruchs verspricht, ist falsch. Entgegen der Volksmeinung enthalten Homöopathika nicht selten gefährliche Stoffe wie Arsen, Antimon, Anilin, Blei, Cyanid, Phosphor, Quecksilber, Eiter, Extrakte von Mutterkorn, Osterluzei und Knollenblätterpilzen sowie andere Gifte in pharmakologisch relevanter Menge! Da erscheint es paradox, dem Laien Unbedenklichkeit vorzugaukeln.
Daß diese negative Bilanz anders wird, weil uns ein "Paradigmenwechsel" ins Haus stünde, halten wir für unwahrscheinlich. Dieser Begriff wird hier nur als Worthülse verwendet, weil die Wissenschaftsmediziner wegen fehlender Daten es ablehnen, das zu glauben, was sie nach dem Wunsch der Außenseitermediziner glauben sollen. Begriffe wie "energetische Betrachtungsweise" oder "feinstoffliche Wirkungen" sind leere Worte, solange ihr Inhalt nicht durch experimentelle Daten belegt wird.
"Ich kann mir nicht vorstellen, daß das mächtigste Volk der Erde, dazu noch ein sehr intelligentes, ein Verfahren verwendet, das nur auf Placebo- und Psychowirkung beruhen soll", sagte Thiel (41) von der Volksrepublik China. Aber war es nicht vielmehr so, daß die politische Führung die traditionelle chinesische Medizin nur deswegen favorisierte, weil wissenschaftsmedizinische Versorgung für die Bevölkerung unbezahlbar war, und man stattdessen wenigstens klassische Placebo-Effekte nutzen wollte? Auch das Argument, unkonventionelle Medizin sei kostengünstig, ist zweifelhaft. Eine wissenschaftlich höchst fragwürdige homöopathische Anamnese kann über 400.- Mark kosten. Ein Erprobungsversuch, seit 1994 mit 42 ganzheitlich behandelnden Ärzten im Ruhrgebiet durchgeführt, hat die ambulanten Arztkosten durchschnittlich um mehr als das Zehnfache steigen lassen (Spiegel 21:32, 1997).
Zur Skepsis mahnt nicht zuletzt auch die gleichartige Behandlung unterschiedlichster "Krankheiten". Ischias wird ebenso behandelt wie Eifersucht bei Mädchen: mit Pulsatilla D6. Bei Keuchhusten und Ehesorgen hilft Ambra D3. Brechnuß hilft gegen Verdauungsbeschwerden, Streitsucht, Hämorrhoiden, Kater, Migräne, verklebte Augenlider, Erkältungen, Darmverschluß, Prostatabeschwerden, Nierenkolik, Impotenz, Hexenschuß, Harnträufeln und Akne.
Eine "Bilanz der Mißerfolge" listet Wolter (49) auf. Könnten homöopathische Mittel positive Effekte vorweisen, sie wären längst von der Wissenschaftsmedizin übernommen worden. In ihrer langen Geschichte hat die Homöopathie aber in keinem einzigen Fall durch ihr Verfahren der Arzneimittelprüfung an Gesunden eine Therapie entdeckt, die Eingang in die Wissenschaftsmedizin gefunden hätte.
Auch bei den Versuchen, ihre Theorie rational zu erklären, ist die Homöopathie bisher gescheitert. Ist es nicht merkwürdig, daß andere Verfahren wie Bach-Blüten-Therapie und selbst Geist-Heilung, die auf ganz unterschiedlichen Theorien beruhen, von ähnlichen Erfolgsraten berichten?
Was Homöopathen glauben müssen:
Homöopathie ist aus der Sicht der heutigen Wissenschaft inhärent unplausibel. Ein Haupthindernis ist die Idee des "Potenzierens". Schon die Bezeichnung ist irreführend, denn dieser Prozeß hat weder etwas zu tun mit dem mathematischen Potenzieren, noch mit dem positiv belegten Begriff der sexuellen Potenz. Nicht nachvollziehbar ist vor allem, daß eine Lösung durch Schütteln wirksamer werde, ja daß das Lösungsmittel allein noch wirksam sei, selbst wenn kein einziges Wirkstoffmolekül mehr darin enthalten ist.
Verdünnt man einmolare Lösungen um den Faktor 1:6x10 hoch 22, so ist in einem Kubikzentimeter davon mit einer Wahrscheinlichkeit von 99% kein einziges Molekül des Wirkstoffes mehr enthalten. Homöopathen verwenden Verdünnungen bis zu 1:10 hoch 120, ja 1:10 hoch1500! Das ist daßelbe, wie wenn man ein Reiskorn zermahlt, das Pulver in einem Wasserball von der Größe unseres Sonnensystems gleichmäßig verteilt, einen Tropfen davon nimmt und nochmals in derselben Menge Wasser verdünnt, und daßelbe zwei Milliarden mal (35)!
Die Frage ist: Welche Art von Beweis gilt als ausreichend, Unglaubliches zu glauben? Grundsätzlich ist derjenige beweispflichtig, der etwas behauptet. Und je ungewöhnlicher die Behauptung ist, desto strengere Maßstäbe sind an ihre Begründung anzulegen. Wenn jemand sagt, in seinem Garten stehe eine Ziege, kann man das glauben. Wenn er aber sagt, es sei ein Einhorn, dann könnte selbst ein Foto davon nicht überzeugen. Seine Echtheit muß mit objektiven Methoden geprüft werden, denn man darf selbst den eigenen Augen nicht trauen (46-48). Man muß prüfen, ob hier nicht einfach einem Pferd ein Plastikhorn an die Stirn geklebt oder ein echtes Horn transplantiert wurde. Überzeugender wäre es, wenn auch die Nachkommen Einhörner wären. Und selbst dann: Könnte es nicht ein genmanipuliertes Pferd sein, das nichts mit dem sagenumwobenen Einhorn zu tun hat?
Der Gesetzgeber hat Hochpotenzen generell erlaubt, nach dem Motto: "So starke Verdünnungen können nicht schaden". Sie müssen lediglich unter der Rubrik "besondere Therapierichtungen" registriert werden. Als Vorbedingung dafür genügt ein Bericht über "positive ärztlich-therapeutische Erfahrung". Das ist so ähnlich wie wenn es zwei Sorten von TÜVs gäbe: einen für fahrende und einen für nichtfahrende Autos. Der Vorteil der letzteren ist zweifellos, daß es weniger Unfälle gibt. Entsprechend selten kommt es bei der Verschreibung von Hochpotenzen zu negativen Nebenwirkungen. Eine große Gefahr ist aber, daß bei ernsten Erkrankungen die Therapie oft fahrlässig verzögert wird. Immer wieder mußten Patienten sterben, weil sie eine lebensrettende konventionelle Behandlung versäumten (31-33).
Hahnemann wußte nichts von der Existenz von Bakterien, Viren, Molekülen, Atomen, nichts von der Loschmidt`schen Zahl und von der Placebo-Forschung, obwohl auch er bewußt mit Placebos arbeitete ("Unarzneiliches" oder Milchzucker; Organon §96 in Hochstetters Ausgabe 6B). Und schon er mußte sich damit auseinandersetzen, daß eine homöopathische Heilung eher die Ausnahme ist als die Regel. Wer das nicht glaubt, weil er immer nur von Heilungen gehört hat, sollte sich klarmachen, daß fast immer nur die Erfolge weitererzählt werden. Tote Patienten reden nicht, und man spricht auch selten von ihnen.
Manchem Außenseitermediziner, der neben kritischem Denken über genügend schauspielerisches Talent verfügt, hat ein einfacher Selbsttest die Augen geöffnet. Egal, ob man als Homöopath "falsche" Potenzen verschreibt, als Irisdiagnostiker bewußt den "Iris-Schlüssel" verfälscht, indem man ihn bei der Analyse z.B. um 90° verdreht, ob man als Astrologe falsche Geburtsdaten verwendet, ob man als Hand- oder Tarotkarten-Leser das Gegenteil von dem sagt, was in den "Lehrbüchern" steht: Die Erfolgsrate bleibt erstaunlicherweise ungefähr gleich.
Der Begriff "psychische Behandlung" spiegelt übrigens eine Ungenauigkeit unserer Alltagssprache wider, die zu Mißverständnissen führt. Es gibt keinerlei Hinweise darauf, daß ein Mensch psychisch, etwa durch Geisteskräfte, beeinflußt werden kann. Auch der Psychotherapeut kann einen Mensch nicht beeinflussen, ohne ihn dabei zugleich auch physisch zu verändern, sei es durch die Schallwellen seiner Worte oder durch Körpersprache. Die so vermittelte Information löst Veränderungen im Gehirn des Patienten aus, die letztlich zu meßbaren körperlichen Folgeerscheinungen der "psychischen" Beeinflussung führen. Sich dessen bewußt zu sein, trägt dazu bei, die Psychotherapie zu entmystifizieren, eine höchst wirksame Methode, die auch von Außenseitermedizinern erfolgreich genutzt wird: vom "Übertragung von Kraft und Energie" bis zum Auflegen der Hand.
Was haben Kritiker eigentlich gegen eine sanfte Medizin? Nichts! Allerdings sollen Wörter wie "sanft", "ganzheitlich" oder "natürlich" oftmals nur verschleiern, daß Wirkungen der angepriesenen Therapie über den Placebo-Effekt hinaus nicht nachgewiesen sind. Für "sanfte" Medizin reichen "sanfte" Beweise eben nicht aus. Hier gilt es also, genau hinzusehen. Im übrigen hat sich gezeigt, daß einiges, das sich als "sanfte Medizin" ausgibt, in Wirklichkeit aggressiv, ja lebensbedrohend ist.
Die "Theorien" der Parawissenschaften sind äußerst bildhaft und erscheinen deshalb dem Laien so glaubwürdig. Wie eingängig ist doch der Slogan der Außenseitermedizin, daß wir "der ganzheitlichen Natur mehr vertrauen sollten als der bruchstückhaften Wissenschaft"! Aber "Erfahrungsheilkunde" ist kein Merkmal der Außenseitermedizin; auf ihr beruht die gesamte wissenschaftliche Medizin. Und wie steht es mit "Ganzheitlichkeit"? Die wissenschaftliche Medizin ist mit ihrem Bemühen, den ganzen Menschen zu sehen, viel weiter. Wenn bei Ohr-Akupunktur, Akupunktur nach Voll, Handlinien-Lesen, Irisdiagnostik und Fuß-Reflexzonenmassage anhand eng begrenzter Körperteile diagnostiziert und therapiert wird, dann wird die Ganzheit zur leeren Phrase. Denn die Behauptung, man könne damit kranke Organe spezifisch beinflussen, ist wissenschaftlich schwer nachvollziehbar und nicht belegt. Die Vorstellung, durch Drücken eines speziellen Punktes am Fuß Darm oder Magen beeinflussen zu können, zeugt von mechanistischer Schalttafel-Mentalität, was grotesk ist angesichts der Kritik an der angeblich mechanistischen Wissenschaft (45).
Wie andere alternativmedizinische Heilmethoden ist auch die Homöopathie keine Wissenschaft, sondern Weltanschauung, ja existentielle Glaubenssache: das zeigen die heftigen, oft unsachlichen Auseinandersetzungen darüber. Ihr Ähnlichkeitsprinzip ist dem in Naturvölkern verbreiteten Analogiezauber verwandt, ihre Vertreter sind die Medizinmänner und Schamanen der Jetzt-Zeit. Aber die Behauptung, Homöopathie sei eine wirksame Alternative zur Wissenschaftsmedizin und homöopathische Mittel seien über den Placebo-Effekt hinaus wirksam, läßt sich mit wissenschaftlichen Methoden objektiv überprüfen und widerlegen.
In einer Diskussion über den Placeboffekt sagte ein katholischer Würzburger Theologe: "Den hat doch schon Jesus bei seinen Heilungen eingesetzt. Das sehen Sie, als Skeptiker, doch hoffentlich nicht negativ?" In der Tat: Zu einer Zeit, in der von wissenschaftlicher Medizin noch keine Rede sein konnte, war jegliche Therapie gerechtfertigt, die, ob bewußt oder unbewußt eingesetzt, auf Hilfe durch den Placeboffekt hoffte. Und wenn man der Bibel glauben darf, so wußte Jesus das sehr wohl. Denn er erwiderte den Dank der Geheilten bescheiden mit den Worten: "Nicht ich habe dich geheilt. Dein Glaube hat dir geholfen"! Wir sagen heute: Es ist der Glaube an den Therapeuten, der hilft: der Placebo-Effekt.
Paul Tillich wies auf einen anderen psychosomatischen Aspekt hin: auf die Beziehung zwischen Schuld und Krankheit. Ungelöste Gewissenskonflikte können Menschen in eine Krankheit treiben. Jesus hat wohl auch diesen Zusammenhang gekannt, denn er verkündete dem Gelähmten zuerst Vergebung seiner Sünden, und dann erst die Gesundung. Mit sich selbst und der Welt versöhnt, wird man leichter und schneller gesund.
Kranke homöopathisch zu behandeln, scheint also in jeder Hinsicht der klugen wissenschaftsmedizinischen Strategie zu entsprechen, nichts zu tun, abzuwarten, bis sich der Organismus selbst hilft, und dabei den Placebo-Effekt optimal einzusetzen. "Die Kunst der Medizin besteht darin, den Patienten zu unterhalten, während die Natur seine Krankheit heilt", sagte Voltaire.
Einen richtigen Aspekt der Paramedizin kann man darin sehen, daß diese, wie die Erfolge zeigen, den Placebo-Effekt besser einzusetzen scheinen als der Wissenschaftsmediziner. Dieser Pluspunkt ist natürlich nicht Homöopathie-spezifisch. Hier muß die Wissenschaftsmedizin Konsequenzen ziehen und sich ihren Patienten ähnlich intensiv zuwenden wie das Homöopathen tun.
Es gäbe keine Magie, keinen Aberglauben in der Heilkunde, wenn beim Menschen nicht ein Bedürfnis danach vorhanden wäre. Es gründet in einem tiefen, antiautoritären Mißtrauen gegenüber der Gegenwartsmedizin, gepaart mit transzendentalen Heilserwartungen und der Sehnsucht nach Verinnerlichung auf der Suche nach sich selbst. Und leider treibt die systematische "Entzauberung" der Beziehung zwischen Arzt und Patient diesen in die Hände der Paramediziner wie auch der Scharlatane, der Parasiten unseres Gesundheitswesens.
"Entweder ist alles eitel Schwindel, oder ... das medizinisch-naturwissenschaftliche Weltbild bedarf einer Korrektur" sagte der Homöopathie-Befürworter Reuß (36). Diese Polarisierung ist falsch. Homöopathen und andere Außenseiter-Mediziner sind in aller Regel keine Scharlatane, auch wenn die Zukunft weiterhin bestätigen sollte, daß ihre Erfolge ausschließlich auf dem Placebo-Effekt beruhen. Denn die meisten von ihnen sind "shut-eyes": Menschen, die von der Wirksamkeit ihrer Behandlungsmethode fest überzeugt sind.
Es geht nicht darum, irgendwelche Phänomene zu ignorieren, die, wären sie real, von der heutigen Wissenschaft nicht erklärt werden könnten. Und auch nicht darum, Kranken, denen die Wissenschaftsmedizin nicht helfen kann, den Placebo-Effekt paramedizinischer Behandlungen vorzuenthalten. Er sollte genutzt werden, aber nicht von Scharlatanen und shut-eyes, sondern von Wissenschaftsmedizinern, die das Vertrauen ihrer Patienten genießen und denen es mit psychosomatischen Methoden gelingt, natürliche Selbstheilungsmechanismen optimal zu aktivieren. Praktiziert ein Wissenschaftsmediziner alternative Medizin, besteht allerdings die Gefahr, daß die Patienten manipuliert werden: Sie verwechseln beides miteinander und halten alles gleichermassen für seriös. Es gibt Ärzte, die, dem Wunsch ihrer Patienten folgend, homöopathische Mittel verschreiben, aber sozusagen zur Sicherheit und ohne Wissen der Patienten zusätzlich noch ein Antibiotikum notieren. Was Wunder, daß die Besserung dann auf Homöopathie zurückgeführt wird!
Etwas zu glauben, ist Privatsache. Aber die öffentliche Behauptung, parawissenschaftliche Theorien hätten sich als zutreffend erwiesen, ist es nicht. Die Erkenntnisse der Wissenschaft sind ein kostbarer, kollektiver Besitz der Menschheit, der in der Vergangenheit schwer erkauft worden ist. Märtyrertum und Scheiterhaufen stehen unübersehbar am Weg. Für diesen Besitz, dessen Gültigkeit immer wieder vorurteilsfrei überprüft worden ist, tragen wir alle eine große Verantwortung. Wenn es sich um Behauptungen handelt, die man testen kann - und nur solche gelten definitionsgemäß als (natur)wissenschaftlich - dürfen und müssen wir daher die Autorität der wissenschaftlichen Methodik in Anspruch nehmen, um die Richtigkeit der Behauptung zu klären. Ein Rückfall in abergläubisches Denken ist ein Prozeß, dem die Hüter kultureller Werte nicht gleichgültig zusehen sollten. Es liegt an uns, etwas dagegen zu tun, daß unsere Nachfahren das auslaufende Jahrhundert mit einem Rückfall in das Zeitalter magischen Denkens verbinden werden.
Leider tragen wir alle die Anlage dazu in uns. Wir nehmen vor allem das wahr, was wir bewußt oder unbewußt erwarten und was eine Art "Zensur-Prozeß" in unserem Gehirn für realistisch hält (46-48). Ganz ähnlich die "Denk-Zensur": Ungeachtet aller Gegenbeweise neigen wir dazu, an einer einmal gefaßten Überzeugung unbeirrbar festzuhalten. Unser Geist liebt fremde Ideen in der Regel ebensowenig wie unser Körper ein fremdes Protein: Beides wird mit großer Energie bekämpft. Diese "Credomanie" (Glaubsüchtigkeit, "true-believer-Syndrom") erweist sich als eine tierische Erblast und ist eine unerschöpfliche Quelle menschlichen Aberglaubens.
Wenn die Europäische Vereinigung der Ärzteverbände der besonderen Therapieeinrichtungen (ECPM) den "Pluralismus in der Medizin" einklagt, so bedeutet das, jegliche Kontrollmöglichkeit abzuschaffen. Damit kann jede Art von therapeutischem Unsinn unterschiedslos angeboten werden. Das ambivalente Argument "wer heilt, hat Recht" verwischt ganz bewußt den Unterschied zwischen geprüften und ungeprüften Methoden. Daß die spezifische Wirksamkeit homöopathischer Mittel mit wissenschaftlicher Logik auch nicht statistisch nachgeprüft werden könne (19), ist eine willkürliche Schutzbehauptung. Denn positive Ergebnisse der Homöopathie werden mit Emphase zitiert: Keine Rede ist mehr davon, daß die Wirkungen nicht nachprüfbar seien. In diesem inkonsequenten Verhalten offenbart sich eine zutiefst dogmatische Grundeinstellung.
Solange keine wissenschaftlich begründete Therapie bekannt ist, mögen Methoden mit günstigem unspezifischen Effekt bei geringem Risiko, wie etwa die Homöopathie, als Lückenbüsser für mangelndes Wissen akzeptabel sein. Denn Hahnemanns Bestreben, "sanft, schnell, gewiß und dauerhaft zu heilen" (Organon, Einleitung, Ausgabe 6B, 1978), wird jeder Wissenschaftsmediziner zustimmen.Verzichten sollte man auf Methoden, die weder nützlich noch gefährlich, aber finanziell aufwendig sind, und auf Methoden mit ungünstiger Nutzen/Risiko-Relation. Ist der Nutzen unbelegt oder gar widerlegt, sind auch geringe Risiken nicht zu tolerieren.
Die These, Außenseitermedizin sei nichts als Placebo-Therapie, ist eigentlich eher ein Lob als ein Vorwurf. Denn der Mensch heilt sich in einem hohem Maß selber, Hauptsache, er wird auf irgendeine Weise behandelt und glaubt daran (5). Also: Placebos einsetzen, sofern keine wissenschaftsmedizinisch bewährte Therapie bekannt ist: uneingeschränkt ja. Aber, damit verbunden, pseudowissenschaftlichen Unsinn verbreiten: nein. Was die Wissenschaftsmedizin den Außenseitermedizinern vorwirft, sind nicht die Placebos, die sie verordnen, sondern das missionarische Besserwissen und das gläubige Festhalten an wissenschaftlich unhaltbaren Vorstellungen. Nur deshalb sollte es Außenseitermedizinern verwehrt werden, an den Universitäten zu lehren. Natürlich macht die Wissenschaftsmedizin auch Fehler, aber sie hat einen unschätzbaren Vorteil: einen Fehlerbeseitigungsalgorithmus, der falsche Theorien im Lauf der Jahre ausmerzt.
Es ist zu fürchten, daß die Zahl an Wissenschafts-Analphabeten erschreckend zugenommen hat. Die mangelnde Bildung betrifft weniger das Tatsachenwissen, sondern etwas ganz Fundamentales: nämlich die Art und Weise, wie wissenschaftliche Erkenntnis zustandekommt. Ein verbreitetes Vorurteil lautet: "Ein Wissenschaftler glaubt dies, der andere jenes. Verschiedene Theorien, die einander widersprechen, stehen also gleichwertig nebeneinander, die Wahrheit ist relativ!" Nein, man kann zwar prinzipiell nicht beweisen, daß eine Theorie wahr ist, aber man kann falsche Theorien objektiv als falsch erkennen und ausmerzen. Wenn eine Heilmethode im Doppelblindexperiment keine signifikant besseren Resultate hervorbringt als eine adäquate Placebo-Behandlung, dann ist die Wirksamkeit dieser Methode damit objektiv widerlegt. Außerhalb dieser Logik gibt es keinen anderen Weg zu objektiver Erkenntnis. Antirationales Denken hat noch nie in der Geschichte der Menschheit bleibende Fortschritte gebracht.
Daß sich die oft verfemte Homöopathie überhaupt halten konnte, verdankt sie dem Multiplikationsfaktor Patient, der es honorierte, daß hier der Mensch, und nicht die Krankheit behandelt wird. Schließen wir mit einem Wort von Elliot Emanuel (9): "Hoffnung ist ein wesentliches Grundelement der Medizin. Sie hilft über alle möglichen therapeutischen Irrtümer hinweg, und vertreten wird sie am besten durch einen optimistischen Arzt. Hoffnung ist der Zauberstab des Scharlatans, aber auch zugleich unser eigener". Seien wir froh, daß es ihn gibt: den Placebo-Effekt.
Wir danken Prof. Dr. Ernst Habermann/Gießen, daß er uns die tabellarisch aufgeführten Daten zur Verfügung gestellt hat. Dieser Artikel erscheint in der Oktoberausgabe des REGIOMONTANUSBOTEN, dem Organ der Nürnberger Astronomischen Arbeitsgemeinschaft e.V., dem wir für die Erlaubnis danken, ihn auch an anderem Ort publizieren zu dürfen.
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