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ALIEN CONTACT Interpretationen klassischer Science Fictionvon Adam Roberts
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Interpretationen klassischer Science Fiction • Folge 1

Ist Swifts Gullivers Reisen (1726) Science Fiction?

von Adam Roberts

Science Fiction > Alien Contact

Adam Roberts hat sich mit bisher drei Romanen in die erste Garde der britischen Science Fiction geschrieben. Im bürgerlichen Beruf lehrt er Literatur an der Royal Holloway University in London. ALIEN CONTACT bringt in loser Folge seine Analysen von Klassikern der SF. Den Anfang macht eine nicht nur für die Definition des Genres wichtige Frage: Ist Gullivers Reisen Science Fiction?

Kritiker sind sich praktisch einig darin, Gullivers Reisen einen Platz unter den Vorläufern des Genres zuzusprechen, als Proto-Science-Fiction mit tiefgreifendem Einfluss auf die eigentliche Science Fiction. Doch die meisten zögern, das Buch selbst der Science Fiction zuzuordnen. Für Brian Aldiss »zählt das Werk nicht zur Science Fiction, da ihm eher eine satirische und/oder moralische Absicht zugrunde liegt als eine spekulative« (Aldiss, S. 81). Diese Argumentation erscheint etwas schwammig, immerhin hat das Buch eine ganze Reihe spekulativer Aspekte. Außerdem schließen Satire und Spekulation einander keinesfalls aus, insbesondere in der Science Fiction nicht. Zudem schwärmt Aldiss geradezu von dem Buch, obwohl er es aus dem Genre ausschließt: Er erklärt, es sei »ein Glück«, dass es sich nicht um einen SF-Roman handelt, denn wenn es einer wäre, dann »wäre die Perfektion gleich zu Beginn erreicht worden, und das Genre hätte möglicherweise seinen Abschluss gefunden, kaum dass es begonnen hatte«. Eine aussagekräftigere Einschätzung stammt von Kingsley Amis. Er stellt fest, dass die Schwierigkeit, Swifts Roman als »Science Fiction« zu bezeichnen, darin besteht, dass »in den ersten beiden Teilen keine Wissenschaft (oder Technologie) als solche vorkommt« (Amis, S. 12). Er schlägt mehrere Möglichkeiten vor, dieses »Problem« zu beheben:

»Die Lilliputaner könnten die Früchte eines Experiments in genetischer Mikrochirurgie sein, und die Brobdingnagier das Ergebnis einer Mutation – wenn man allerdings genauer darüber nachdenkt, dürfte die Geburt der ersten Generation brobdingnagischer Babys durch normalgroße Mütter ernsthafte Schwierigkeiten bereiten.« (Amis, S. 12-13)

Amis denkt natürlich an ein ganz anderes Buch als das, welches Swift geschrieben hat. Aber sein Bedürfnis, die Wissenschaft gemäß den Vorstellungen der Pulp-SF aus der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts »einzubauen«, ist außerordentlich aufschlussreich. Es weist darauf hin, dass Swifts Phantasie die besondere Art materieller Detailliertheit fehlt, nach der moderne SF-Leser verlangen. Dem entspricht der Glaube, der den meisten Annäherungen an das Buch zugrunde liegt: die oberflächliche Erzählung der Ereignisse sei in gewisser Weise weniger wirklich als der satirische Subtext, in dem verschiedene Aspekte des politischen Lebens im frühen achtzehnten Jahrhundert lächerlich gemacht werden. Es stellt das Buch jedoch auf den Kopf, wenn man es nur um des Subtextes willen liest; Howard Erskine-Hill bemängelt den Umstand, dass »die außergewöhnliche Erzählung und der Phantasiereichtum« des Buchs »zu oft durch Kritiken an den Rand der Debatte gedrängt wurden, die sich hauptsächlich mit den satirischen Absichten und der abschließenden Wirkung beschäftigten« (Erskine-Hill, S. 1).

Noch wichtiger ist meiner Meinung nach, dass Amis‘ Herangehensweise ein weit verbreitetes kritisches Missverständnis widerspiegelt, das das Buch als »unwissenschaftlich« oder sogar »anti-wissenschaftlich« auffasst (»... keine Wissenschaft (oder Technologie) als solche ...«). Besonders die letztere Lesart ist recht verbreitet und wird von vielen Kritikern gestützt: Diese weisen auf den Kontrast hin, der zwischen der Absurdität des Lebens auf der fliegenden Insel Laputa (in Teil 3), deren Einwohner den Naturwissenschaften anhängen, und der Reinheit des Lebens unter den Houyhnhnms (Das Pferde-Utopia in Teil 4), die so abgeschieden von der »Wissenschaft« existieren, dass sie nicht einmal die Metallverarbeitung beherrschen, besteht. Aber es muss betont werden, dass Reisen in verschiedene ferngelegene Länder der Erde (um das Buch mit seinem richtigen Titel zu bezeichnen) nicht nur vom Wesen her eine wissenschaftliche Fiktion (»science-fictional«) ist; alle vier Teile sind auch zutiefst von Wissenschaft (»Science«) durchdrungen, und zwar in solchem Maße, dass es sich nur schwer vermeiden lässt, das Buch als ein Buch über Wissenschaft zu lesen – oder, im Speziellen, als ein Buch über das Verhältnis zwischen Wissenschaft und ihrer Darstellung. Vielleicht könnte diese Formulierung sogar als eine Kurzdefinition der Science Fiction selbst dienen.

Ich sollte hinzufügen, dass eine solche Lesart nicht mit den meisten kritischen Analysen des Buchs übereinstimmt. Die verbreitetste Interpretation von Swifts Reisen in verschiedene ferngelegene Länder der Erde versteht es als ein Werk »über Identitätsschwierigkeiten und Beurteilungsprobleme« (Erskine-Hill, S. 3). Es ist beinahe ein Gemeinplatz, dass Gullivers weite Reisen in die Außenwelt in Wirklichkeit Erforschungen des Inneren, der individuellen Psyche und der Subjektivierungscodes des achtzehnten Jahrhunderts darstellen. Terry Eagletons Meinung nach ist die Welt, die von Gulliver erforscht wird, eigentlich Gulliver selbst, und seine Reisen enthüllen ihm sich selbst als »einen Bereich, der von unerträglichen Widersprüchen durchzogen und zu Grunde gerichtet wird« (Eagleton, S. 58). Natürlich gibt es vieles, was für eine solche Betonung der ideologischen Aspekte von Reisen in verschiedene ferngelegene Länder der Erde spricht: Sie trägt der Breite der satirischen Urteilskraft ebenso Rechnung wie der prekären Balance zwischen Verurteilung und pseudo-utopischer Bewunderung, die Gulliver in Bezug auf alle Königreiche, die er entdeckt, ausdrückt.

Die Lilliputaner zum Beispiel dienen dazu, die minuziöse Trivialität der westlichen Rechtspolitik lächerlich zu machen – hier werden Kriege über die Frage ausgefochten, an welchem Ende man ein Frühstücksei aufschlagen muss, und politische Ämter werden denen verliehen, die am höchsten springen können. Zugleich ist Gulliver jedoch voll des Lobes für weite Bereiche des gesellschaftlichen Lebens in Lilliput: Er bewundert, dass »Betrug (...) für ein größeres Verbrechen angesehen [wird] als Diebstahl«, dass das Gesetz nicht nur Schuldige bestraft, sondern auch Tugend aktiv belohnt (jeder, der »dreiundsiebzig Monate lang« alle Gesetze befolgt, kann bestimmte Privilegien einfordern und erhält Geld aus der Staatskasse), und dass die Kinder »in den Grundsätzen der Ehre und Gerechtigkeit, des Mutes, der Bescheidenheit, Milde, Religion und Vaterlandsliebe erzogen« werden (Swift, Reisen, S. 94-98). Anders ausgedrückt: Swifts Darstellung von Lilliput ergeht sich gleichzeitig in satirischem Spott und quasi-utopischer Verherrlichung. Das gleiche gilt für die Brobdingnagier: Ein Volk, von dem Gulliver Weisheit und tiefe Einsichten erhält (so dass er sie gegen Ende des Buches unter allen Yahoo-Völkern, denen er begegnet ist, als »am wenigsten verdorben« bezeichnet (Swift, Reisen, S. 488)), obwohl er in ihrem Land Opfer von Hofintrigen und unfreiwilliges Objekt von Sensationslust wird, in Gefangenschaft lebt und als Missgebildeter vorgeführt wird.

Swifts Text entsteht früh im großen Jahrhundert der Entdeckungen und der konsequenten imperialen Herrschaft. Seine Widersprüche drücken einen grundlegenden ideologischen Widerspruch im Herzen des bürgerlichen Subjekts aus: Es ist das Individuum, das sich als freier Handlungsträger begreift, doch es wird durch Ideologien und die Staatsmacht eingeschränkt. Fremde Länder betrachtet es mit imperialistischem Blick als ausbeutbares Territorium, und zugleich bewundert es sie insbesondere deshalb, weil sie der westlichen Vorherrschaft entzogen sind. Paul Baines drückt das so aus:

»Gullivers Vorstellungen von Menschlichkeit werden wiederholt durch seine Ankunft in Staaten mit anderen Modellen der Menschlichkeit in Frage gestellt. Die Neuerfindung des Selbst wird nicht in Frage gestellt, das Fremde wird erobert, um das ökonomische Individuum voranzubringen. Defoes subjektzentrierte Phantasie wird in eine Parabel der Entfremdung verwandelt. Gulliver selbst ist die Seltsamkeit, die Show, das lusus naturae.« (Baines, S. 9)

Nichtsdestotrotz möchte ich eine Lesart vorschlagen, die einen anderen Schwerpunkt setzt als diesen recht verbreiteten. Ich denke, dass Reisen in verschiedene ferngelegene Länder der Erde eher ein Buch über Wissenschaft ist als eines über Subjektivität, eine Untersuchung der Rolle der Wissenschaft in der Welt. Die satirische Abbildung höfischer Politik ist mit Sicherheit ein Aspekt des Texts: Die Penibilität, mit der Tory und Whig über den Krieg mit Frankreich zankten, die Währungspolitik Irlands und all das, was zu Swifts Zeiten sonst noch in der politischen Welt vorging. Aber diese Elemente sind in keiner Weise hervorstechend. Man kann das ganze Buch lesen und sich an ihm erfreuen, ohne sich mit diesem speziellen Kontext auszukennen. Noch wichtiger ist, dass es sich um ein falsches Verständnis der außergewöhnlichen Elemente des Buches handelt (die Winzigkeit der Lilliputaner, der Gigantismus der Brobdingnagier, die fliegende Insel Laputa und so weiter), wenn man sie einfach als phantastische Unmöglichkeiten oder als willkürliche Mittel zum satirischen Zweck auffasst. In jedem dieser Fälle arbeitet Swift seine Prämisse mit weitreichender und (ganz besonders) wissenschaftlicher Gründlichkeit aus. Er ist aus mehreren Gründen so rigoros: Darunter nicht der geringste, dass er gerade an den Möglichkeiten und der Bandbreite »wissenschaftlicher« Fiktionen interessiert ist.

Swifts Roman gehört zu den Büchern, die so bekannt sind, dass eine Zusammenfassung sich praktisch erübrigt: Aber da ein großer Teil seiner kulturellen Verbreitung auf Adaptionen, Verballhornungen und Überarbeitungen des Originals beruht, ist es sinnvoll, einige Punkte hervorzuheben. Während Adaptionen Gullivers Abenteuer zu einer einzigen Reise zusammenfassen, berichtet Swift tatsächlich von vier einzelnen Reisen, zwischen die er jeweils eine kurze Beschreibung von Gullivers Ehe- und Familienleben in England einschiebt. Und während verschiedene Filme und Fernsehversionen die satirischen Aspekte von Gullivers Reisen hervorheben – zum Beispiel, indem sie die Lilliputaner und Brobdingnagier in Kleidung aus dem europäischen achtzehnten Jahrhundert darstellen –, gibt sich Swift große Mühe, die verschiedenen Reiche untereinander und im Vergleich zu Europa unterschiedlich zu gestalten. Andere Besonderheiten des Buches, beispielsweise seine Begeisterung für räumliche Maße, sind stark an den geschriebenen Text gebunden und lassen sich nur schwer in anderen Medien reproduzieren.

In Lilliput angekommen, erlebt Gulliver die allgemein bekannten Abenteuer: Er erwacht am Strand und stellt fest, dass er mit »mehrere[n] kleine[n] Binden« gefesselt ist, und ein Bogenschütze »von noch nicht sechs Zoll Höhe« auf seiner Brust steht (Swift, Reisen, S. 33-34). Im weiteren Verlauf schließt er Freundschaft mit dem König dieses Reiches und schläft in einem »alten Tempel« vor der Hauptstadt, den er folgendermaßen beschreibt: »Das große, nach Norden gerichtete Tor war etwa vier Fuß hoch und zwei Fuß breit« (Swift, Reisen, S. 44). In ihrem Krieg mit den gleichsam winzigen Blefusciern stellt er sich auf die Seite der Lilliputaner. Es handelt sich um einen anhaltenden Konflikt, ob man Eier besser isst, indem man sie am breiten oder am schmalen Ende aufschlägt. Gulliver durchschwimmt den Kanal zwischen den beiden Inseln (»(...) erfuhr, dass derselbe bei der Flut in der Mitte siebzig Glumgluffs betrug, das heißt etwa sechs Fuß englischen Maßes« (Swift, Reisen, S. 81)), um alle Schiffe der feindlichen Flotte im Alleingang nach Lilliput zu ziehen. Er löscht ein Feuer im Königspalast, indem er darauf pinkelt, was dazu führt, dass er bei Hof in Ungnade fällt, obwohl er den Palast und viele Leben gerettet hat. Der König entscheidet, dass ihm zur Strafe die Augen ausgestochen werden sollen, und um diesem Schicksal zu entgehen, verlässt Gulliver die Insel und kehrt schließlich nach England zurück.

Diese Idee von einem Land, in dem alles ein Zwölftel so groß ist wie in Europa, ist eine flexible, ausdrucksvolle Leistung der Einbildungskraft. Erskine-Hill ist der Meinung, dass sie als »doppelter, strategischer Witz« funktioniert: zum einen als ein »seltsames, winziges« und Rabelasianisches Wunderland, das sich in phantastischer Weise von unserer Welt unterscheidet; zum anderen als eine Welt, die »sich vergleichsweise unvermittelt als ein Spiegelbild von Swifts eigener Welt und der seiner Leser entpuppt« (Erskine-Hill, S. 30). Tatsächlich beschreibt Erskine-Hill jedoch nur die Richtung, in die eine ganz bestimmte Lesart des Textes zielt, eine, die den Text als Satire begreift. Für sich genommen hat diese Lesart durchaus ihre Gültigkeit, sie trägt jedoch wenig dazu bei, die Möglichkeiten auszuschöpfen, die Swifts phantasievolle Vision bietet. Eine solche »Oberfläche-und-Tiefe«-Lesart fiktionaler Literatur ist notwendigerweise reduktiv, sie verkürzt ihren Gegenstand. Eine Stärke von Swifts Schöpfung ist die Leichtigkeit, mit der man die beschriebene Welt gedanklich betreten kann.

Erinnern wir uns an Amis‘ Behauptung, dass in den ersten beiden Teilen des Romans »keine Wissenschaft« zu finden ist: Dagegen ließe sich einwenden, dass Swift unsere Aufmerksamkeit bei der Darstellung Lilliputs insbesondere auf eine bestimmte Wissenschaft lenkt: auf die Mathematik.

»Das Volk zeichnet sich durch mathematisches Wissen aus und hat es zu einer großen Vollkommenheit in mechanischen Arbeiten gebracht, weil der Kaiser, der überhaupt als berühmter Beschützer der Gelehrten gilt, jene Bestrebungen unterstützt und ermutigt. Dieser Fürst besitzt mehrere auf Rädern ruhende Maschinen zum Transport von Bäumen und anderen großen Lasten. Er lässt oft seine größten Kriegsschiffe, wovon einige an neun Fuß lang sind, in den Wäldern, wo das Zimmerholz wächst, erbauen und dann in der Entfernung von drei- bis vierhundert Ellen zu See fahren. (Swift, Reisen, S. 41)

Es ist nicht ohne weiteres ersichtlich, warum dieses winzige Volk aus Mathematik-Experten bestehen sollte (insbesondere, wenn wir beschließen, diese Episode als eine allegorisch-satirische Attacke auf die Belanglosigkeit der zeitgenössischen westlichen Politik zu lesen). Aber tatsächlich könnte die von Swift hervorgehobene Wissenschaft nicht passender sein: Sobald der sechs Zoll große Bogenschütze auf Gullivers Brust erscheint, sobald wir also als Leser begreifen, dass Lilliput die Dimensionen eines um ein Zwölftel verkleinerten konventionellen Königreichs hat, wird Mathematik für unser Verständnis der Erzählung von zentraler Bedeutung. Wir setzen Swifts Beschreibung des Königreichs nicht etwa in Beziehung zu uns selbst, indem wir seine Besonderheiten eins zu eins auf das politische Establishment der 1720er Jahre übertragen, sondern indem wir unsere eigenen Erfahrungen in einem Eins-zu-zwölf-Maßstab auf das Königreich rückübertragen. Anders ausgedrückt: Wir lesen eine Textstelle wie die obige, indem wir, je nach unseren Fähigkeiten im Bereich der Mathematik unter Mühen oder mit Leichtigkeit, alles auf einen Maßstab bringen, der uns vertrauter ist: So wird des Königs Schiff 108 Fuß lang, und der Wald liegt zwei Meilen vom Meer entfernt. Swifts Beharren darauf, Größendimensionen für alles anzugeben, was Gulliver begegnet (»Die größten Pferde und Ochsen sind zum Beispiel vier bis fünf Zoll hoch [...] Ihre größten Bäume sind ungefähr sieben Fuß hoch« (Swift, Reisen, S. 91)) führt dazu, dass wir bei der Lektüre der Lilliput-Episode immer wieder diesen mathematischen Vorgang durchführen müssen. Es ist nicht allzu reduktiv, den Prozess des duodezimalen Rechnens als Schlüsselelement des Buches zu verstehen. Aus diesem Blickwinkel wird Reisen in einige ferngelegene Länder der Erde so zu mathematischer Science Fiction, die wiederum ein spezieller Zweig der Science Fiction ist.

Der zweite Teil, »Eine Reise nach Brobdingnag«, kehrt die nötigen Berechnungen um, so dass der Leser im Geiste die von Swift zahlreich festgehaltenen Maße durch zwölf teilt, um eine Ahnung von den »tatsächlichen« Proportionen des Landes zu erhalten. Die Brust einer Frau »ragte sechs Fuß hervor«, ein Zimmer ist »zwei- bis dreihundert Fuß breit und etwa zweihundert Fuß hoch«, das Bett »acht Ellen über dem Boden« und so weiter (Swift, Reisen, S. 147-149). Die ersten beiden Teile von Swifts Roman stellen die Mathematik nicht nur dar, sie verkörpern sie geradezu und verwickeln den Leser in einen andauernden Prozess der Multiplikation und Division, in dem diese spezielle wissenschaftliche Methode durchgearbeitet wird.

Nun war die duodezimale Mathematik zu Swifts Zeit keinesfalls eine abwegige Disziplin: Als die Währung zwölf Pennies pro Schilling betrug und zweihundertvierzig Pennies ein Pfund ergaben, war es zum vernünftigen Umgang mit Geld eine unerlässliche Fähigkeit, durch zwölf teilen und mit zwölf multiplizieren zu können. Es ist diese Wendung zum »Geld«, die uns zu einer politisch-satirischen Interpretation zurückführt und aus der »Reise nach Lilliput« eine symbolische Reise nach Geld-Land macht. Der Name selbst ist bezeichnend. Swifts zahlreiche Neologismen, die er in den Reisen in einige ferngelegene Länder der Erde benutzt, um den Eindruck fremder Sprachen zu erwecken, wurden bislang als Nonsens-Schöpfungen aufgefasst, die sich an onomatopoetischen – lautmalerischen – Ausdrücken oder an Babysprache orientieren. Dieser Logik zufolge ist »Lilliput« eine Version von »Little Place« (»Kleiner Ort«), und »Brobdingnag« ist eine donnernde Erweiterung des Wortes, das von seinem ersten, mittleren und letzten Buchstaben gebildet wird: »Big« (»Groß«). Ebenso gut kann man »Lilliput« jedoch als eine Wiederholung des Zeichens für die englische Währung »Pfund« lesen, gefolgt vom irischen Wort für denselben Geldwert-Signifikanten: »£i££ipu(n)t«. Geld ist etwas Kleines, so klein, dass wir es in unseren Taschen mit uns herumtragen können, und dennoch ist es von internationaler und übergeordneter Bedeutung. Für sich genommen ist jeder Penny vergleichsweise machtlos, aber en masse werden sie zu etwas, das uns niederringen kann, so wie Gulliver von zahlreichen Lilliputanern am Strand festgehalten wird. Hier fehlt der Platz, um diese Interpretation fortzuführen, abgesehen von der Feststellung, dass Gulliver sowohl mit Lilliputanern als auch mit Brobdingnagiern Münzen austauscht. Darüber hinaus lässt sich auf eine Verbindung zwischen Geld und Exkrementen in der Psychoanalyse hinweisen (die letztgenannte Substanz erscheint überraschend häufig in Swifts Romanen). Aber es ist mehr die Rechenarbeit, die ein duodezimales Währungssystem erfordert, als das Geld selbst, die den »Faktor« liefert, um den Roman zu erschließen. »Eine Reise nach Lilliput« ist die Dramatisierung des mathematischen Konzepts »Eins-zu-ein-Zwölftel«.

Das Prinzip des »Herunterskalierens« erinnert an die Logik der Kartographie. Wir können uns vorstellen, dass Gulliver seine Vogelperspektive auf die lilliputanische Stadt Mendeno mit der Metapher der Welt vergleicht, die wie eine Landkarte ausgebreitet daliegt. Tatsächlich vermeidet Swift aber gerade ein solches Bild:

»Die Umgebung erschien mir wie ein einziger Garten, und die Felder darin, welche in der Regel vierzig Quadratfuß betrugen, glichen Blumenbeeten. (...) Links erblickte ich die Hauptstadt, die einer auf Theaterkulissen gemalten Stadt glich.«(Swift, Reisen, S. 46)

Die von Gulliver gezogene Analogie richtet die Aufmerksamkeit auf die sich verändernden Codes der Kartographie: Die repräsentative Logik des Europa der frühen Moderne erschuf Landkarten, die sich tatsächlich als Blick aus der Vogelperspektive verstanden und den kartographierten Raum wie eine »gemalte Szene« darstellten. Aber die Kartographie der späten Renaissance folgte einer neuen, symbolisch-repräsentativen Logik, in der Territorien in Bezug zu einer Reihe abstrakterer Bezeichnungselemente gesetzt wurden: So wurde eine Linie als Fluss aufgefasst, eine Linie, die auf einer Seite schattiert war als Küste, ein kleiner Kreis als Stadt und so weiter. Diese Art der Kartographie ist für die Zwecke der Navigation weit brauchbarer, und es ist kein Zufall, dass das Zeitalter der Entdeckungen (dessen fiktionaler Ableger Reisen in verschiedene ferngelegene Länder der Erde ist) von Veränderungen in der Praxis der Kartographie begleitet wurde. Beispiele für diese neue Art von Landkarten sind am Anfang von jedem der vier Teile in Swifts Buch eingefügt. Sie verorten das jeweilige fiktive Reich nacheinander im Verhältnis zu Sumatra, Nordamerika, Japan und Afrika [in der vorliegenden deutschen Ausgabe sind diese Landkarten leider nicht enthalten – Anm. d. Ü.]. Diese Karten-Illustrationen dienen als visueller Stichwortgeber: Sie legen nahe, dass Gulliver, indem er Lilliput betritt, in eine Art lebende Landkarte eintritt, ein Modell des normalen menschlichen Lebens im Maßstab eins zu zwölf.

Die Reise nach Brobdingnag kehrt diese kartographische Vorstellung um. Gulliver lernt das brobdingnagische Alphabet aus einem kleinen Büchlein, das seiner Bewacherin Glumdalklitsch gehört: »Sie hatte ein kleines Buch in ihrer Tasche mitgenommen, das nicht viel größer war als bei uns ein Atlas.« (Swift, Reisen, S. 162) Der springende Punkt ist hier, das Atlanten bekanntermaßen die größten Bücher überhaupt sind. Aber der Vergleich führt auch die Wendung des »Kartographierens« als eine Möglichkeit ein, um den Maßstabswechsel von Ein-Zoll-zu-zwölf nach Zwölf-Zoll-zu-eins nachzuvollziehen. In Brobdingnag tritt Gulliver sogar wortwörtlich in eine königliche Landkarte hinein:

»Die Länge [der Hauptstadt Lorbrulgrud] beträgt drei Glomglung (ungefähr vierundfünfzig englische Meilen), die Breite dritthalb Glomglung. Ich habe den Umfang nämlich selbst nach einer auf Befehl des Königs verfertigten Karte gemessen, die ich auf dem Boden zu dem Zweck ausbreitete und die beinahe hundert Fuß auf demselben einnahm. Ich durchschritt den Durchmesser und Umfang mehrmals mit entblößten Füßen, rechnete nach diesem Maßstabe und habe somit das Resultat ziemlich genau herausgebracht.« (Swift, Reisen, S. 182)

Dieser Vorgang der »Maßstabsberechnung« ist die interpretatorische Strategie, zu der Swift seine Leser einlädt; die Vorstellung, »in eine Landkarte zu treten«, schlägt eine Leseart vor. Darüber hinaus wird Gulliver im Laufe seiner Abenteuer zu einem Kartographen. Seine »Reise in das Land der Houyhnhnms« »bestätigte die schon früher von mir gehegte Meinung, dass die geographischen Karten dies Land [Neuholland] wenigstens um drei Grade zu weit nach Osten setzten« (Swift, Reisen, S. 474). Er gibt dem bekannten zeitgenössischen Landkartenhersteller »Herrn Herman Moll« Bescheid, sein Ratschlag wird jedoch zurückgewiesen. Wenn man Swifts Reisen als eine andere Variante von »Science« Fiction, nämlich als »Cartographic« Fiction liest, erschließt sich die nüchterne kartographische Genauigkeit, mit der die verschiedenen phantastischen Reiche verortet werden. Dem ersten Teil steht eine Karte der Südsee voran – die wiederum bekannt ist für ihre große Anzahl »kleiner« Inseln. Lilliput ist die Apotheose von »klein sein«, also liegt es dort. Teil zwei beginnt mit einer Landkarte, die zeigt, dass Brobdingnag physisch mit Nordamerika verbunden ist; Nordamerika ist »das große Land«, ein riesiger Kontinent. Demzufolge ist alles in Brobdingnag »sehr groß«.

Obwohl sie erstklassige Mathematiker und Maschinenbauer sind, haben die Lilliputaner das Uhrwerk nicht entwickelt, und so sind sie ratlos, als sie Gullivers Taschenuhr entdecken.

»Es erschien eine Kugel, zur Hälfte von Silber, zur Hälfte von einem anderen, durchsichtigen Metall. An der durchsichtigen Seite sahen wir mehrere sonderbare Figuren in Zirkelformen und glaubten dieselben berühren zu können, bis unsere Finger durch die durchsichtige Substanz aufgehalten wurden. Als er die Maschine an unsere Ohren hielt, machte sie ein fortwährendes, dem einer Wassermühle ähnliches Geräusch: Wie wir vermuten, ist dasselbe entweder ein unbekanntes Tier oder der Gott, den er verehrt. Wir sind aber zu der letzteren Meinung geneigter, denn er versicherte, [...] er tue selten etwas, ohne jenes Ding um Rat zu fragen.« (Swift, Reisen, S. 56-57)

Es könnte uns merkwürdig vorkommen, dass eine Nation von mathematischen Genies mit einem Talent für mechanische Erfindungen weder Glas (»die durchsichtige Substanz«) noch Uhren entwickelt hat. Dieser Umstand könnte einer speziellen Swiftisch-utopische Marotte geschuldet sein, der zufolge Uhren ihre Besitzer tyrannisieren. (Zum Beispiel stellt Gulliver während seiner Zeit bei den Houyhnhnms fest, dass sie ihren Kalender nicht einmal in Wochen aufteilen, geschweige denn in Stunden und Minuten (Swift, Reisen, S. 454)). Aber er liefert auch noch einen weiteren Anhaltspunkt dafür, warum Swift in der Mathematik die tauglichste Wendung für seine wissenschaftliche Fiktion findet. Die Brobdingnagier besitzen im Gegensatz zu den Lilliputanern Uhrwerke, und in der entsprechenden Technologie haben sie scheinbar »größte Vollkommenheit erreicht« (Swift, Reisen, S. 167). Aber jede militärische Kompetenz geht ihnen ab, und Gullivers Versuch, den König für Metallkanonen zu begeistern, die mit Schießpulver funktionieren, schlägt fehl.

Mit anderen Worten: All diese verschiedenen Wissenschaften, die von Swifts Fiktion verkörpert werden, beziehen sich insbesondere auf eine einzige Wissenschaft: die Schiffsnavigation. Ein guter Navigator sollte über mathematische Fähigkeiten verfügen, und jeder Seefahrer muss über die nötigen mechanischen Fertigkeiten verfügen, um seine Ausrüstung zu reparieren und zu modifizieren. Aber gute Uhren und andere auf Glas basierende Technologie (wie zum Beispiel das Fernrohr, das Gulliver bei sich trägt) sind ebenfalls unerlässlich. Die Liliputaner werden, anders ausgedrückt, entweder als Experten in oder als völlig unberührt von einer Reihe wissenschaftlicher Disziplinen dargestellt, die alle in direktem Bezug zur navigatorischen Tätigkeit stehen. In ähnlicher Weise stammen die Analogien, mit denen Gulliver die Brobdingnagier für gewöhnlich beschreibt, aus dem Reich der Seefahrt – was eigentlich nicht weiter überraschend ist: Ein Autor im 18. Jahrhundert, der nach Vergleichsmöglichkeiten für außergewöhnliche Größe sucht, wird sich in der Natur, der Architektur und der Seefahrt umsehen und feststellen, dass nur die letzte dieser Kategorien Größe mit Mobilität vereint. Demgemäß trägt der erste Minister von Brobdingnag einen Stab, der »so lang wie der Hauptmast des englischen Linienschiffs ‚Royal Sovereign‘« ist (Swift, Reisen, S. 174). Und Gulliver, der in einer Kiste umhergetragen wird, hat das Gefühl, »dass die dadurch bewirkte Erschütterung dem Steigen und Fallen eines Schiffes bei großem Sturme glich« (Swift, Reisen, S. 157). Darüber hinaus schläft er unter »einem reinen weißen Schnupftuch, welches aber größer und dicker als das Hauptsegel eines Kriegsschiffes war« (Swift, Reisen, S. 148). Die Brobdingnagier haben erstklassige Karten, darüber hinaus verfügen sie über herausragende Kenntnisse in der Mathematik und in »allen mechanischen Künsten«. Allerdings fehlt ihnen selbst das Grundwissen über die Bewaffnung, die ein britisches Schiff bei jedem Einsatz an Bord hat. Ein grundlegender Aspekt ist zudem, dass keines der von Gulliver entdeckten Völker reist! Sie alle (mit der möglichen Ausnahme des Volkes von Luggnagg, das einen gewissen Austausch mit Japan pflegt, das ebenfalls für seinen Mangel an Seefahrern bekannt ist) sind Kulturen, die in erster Linie zu Hause bleiben. In manchen Fällen können sie sich kaum vorstellen, dass es andere Kulturen jenseits des Meeres gibt – so beharren die Houyhnhnms darauf, das Gullivers Behauptungen über fremde Länder »etwas sagen, was nicht so ist«.

All das ermutigt uns darin, Reisen in einige ferngelegene Länder der Erde so zu lesen, wie der Titel es nahe legt: Nicht als Buch über Gulliver selbst (wie es uns die Vulgarisierung des Titels zu Gullivers Reisen glauben machen will), also entweder als Buch über das bürgerliche Subjekt oder als Chiffre für Swift; sonders als ein Buch über das Reisen zu ferngelegenen Teilen der Welt. Die Wissenschaft (Science) in dieser Science Fiction des 18. Jahrhunderts ist die Wissenschaft der nautischen Navigation, die es Swifts Zeitgenossen erlaubte, Orte zu bereisen, die verhältnismäßig weiter weg und unbekannter waren als der Mond in den sechziger Jahren für die USA. Die ersten beiden Abschnitte des Buches beschäftigen sich nicht nur mit Mathematik und Mechanik, um auf der Höhe der Zeit zu sein, sondern auch, um die Trope der Navigation zu etablieren, die den Text bestimmt. Wie Angus Ross und David Woolley richtig bemerkt haben, bildeten »die Fortschritte im Bereich der Mathematik während der vergangenen Jahrzehnte, gemeinsam mit den Weiterentwicklungen der Navigation und des Festungsbaus und mit der Arbeit der Royal Society, die machtvollsten »modernen« Argumente für die Überlegenheit der Moderne.« (Ross und Woolley, S. 608)

Die Wissenschaft, die Swift in seine Science Fiction einarbeitet, ist auf der Höhe der Zeit, und sie trifft auch ideologisch den Punkt. Gulliver ist in gewisser Weise eine Figur, die keinen Eindruck hinterlässt, eine farblose Gestalt, die ihre eigenen Absonderlichkeiten nicht in die übertrieben absonderlichen Wunder einfließen lässt, die sie beobachtet. Aber in einem wichtigen Zusammenhang wird Gulliver als ungewöhnlich charakterisiert: Er leidet unter einer Reisemanie. »Ach, Natur und Schicksal haben mich zu einem tätigen und ruhelosen Leben verdammt«, sagt er zu Beginn von Teil 2. »Zwei Monate nach meiner Rückkehr verließ ich wieder mein Vaterland« (Swift, Reisen, S. 131). Teil 3 beginnt mit dem Eingeständnis, dass »Meine Begierde, die Welt zu sehen, [...] ungeachtet meines früheren Unglücks so heftig wie jemals [war]« (Swift, Reisen, S. 252), und so verlässt er zehn Wochen, nachdem er nach Hause zurückgekehrt ist, erneut Frau und Familie. Teil 4 beginnt ganz ähnlich:

»Ich blieb ungefähr fünf Monate bei meiner Frau und meinen Kindern, und zwar in einem sehr glücklichen Zustande; hätte ich nur lernen können, wann ich in Wahrheit glücklich war! Ich verließ meine arme Frau guter Hoffnung und nahm ein vorteilhaftes Anerbieten an, Kapitän des »Abenteurer« zu werden, eines großen Kauffahrers von dreihundertundfünfzig Tonnen. Ich war nämlich der Nautik vollkommen kundig« (Swift, Reisen, S. 365).

Diese Leidenschaft für Reisen in die Ferne wird als beinahe psychopathisch dargestellt. Dass Gulliver selbst sich immer wieder des Navigatorenjargons bedient (»Da der Sturm sehr heftig wurde, zogen wir das Bugsprietsegel ein und standen bereit, das Focksegel festzumachen; da das Wetter immer schlechter wurde, sahen wir nach, ob die Kanonen sicher standen, und machten auch die Segel am Besan fest.« (Swift, Reisen, S. 132)), unterstreicht, dass »Navigation« seine Existenz maßgeblich bestimmt.

Es lässt sich kaum abstreiten, dass die »Navigation zur See«, diese relativ neue Verknüpfung von Wissenschaften, keinesfalls ideologisch neutral ist. Swifts Text erkennt das relative Machtgleichgewicht an, das zwischen Ländern herrscht, die ihre Bürger ins Ausland entsenden und solchen, die zu Hause bleiben und nichts anderes kennen. Gullivers Erzählung endet mit dem vorwurfsvollen Appell, dass »die Völker, welche ich beschrieben habe, anscheinend keinerlei Wunsch haben, erobert und unterworfen oder durch Kolonisten ermordet und vertrieben zu werden« (Swift, Reisen, S. 491). Aber die Argumente, die er dafür anführt, dass seine Entdeckungen unberührt bleiben sollen, sind wenig überzeugend – was durchaus Absicht sein könnte. Zum Beispiel behauptet er, dass die besagten Länder kein Übermaß an Gold besäßen, obwohl die Brobdingnagier doch unzählige Goldmünzen besitzen, »wovon jedes Stück ungefähr die Dicke von achthundert portugiesischen Dukaten betrug« (Swift, Reisen, S. 164). Um es auf den Punkt zu bringen: Man muss schon ziemlich blind gegenüber der Logik der Ideologie des Imperialismus sein, um zu behaupten (wie Swift es Gulliver ironischerweise tun lässt), dass »Die Lilliputaner [...] kaum die Kosten wert [sind], welche eine Flotte und Armee zu ihrer Eroberung erfordern würde« (Swift, Reisen, S. 489); oder um zu erklären, dass die Brobdingnagier und die Houyhnhnms allzu überlegene Gegner wären, obwohl bereits klargestellt wurde, dass keines der beiden Völker über Waffentechnologien wie Artillerie oder Sprengstoffe verfügt (Swift, Reisen, S. 489). Wenn wir gedanklich über das Ende des Romans hinauslesen, dabei seiner eigenen Logik folgen und unser Verständnis der ideologischen Zustände im Europa des frühen 18. Jahrhunderts einbringen, sehen wir Kolonisation, Ausbeutung, Enteignung, Sklaverei und Tod über die Lilliputaner, Brobdingnagier und Houyhnhnms hereinbrechen. Das ist natürlich eine der Facetten des wissenschaftlichen Rationalismus, der Swifts Zeit beherrschte.

Der dritte Teil von Reisen in einige ferngelegene Länder der Erde, »Reise nach Laputa«, wurde oft als der Teil aufgefasst, der der Science Fiction am ähnlichsten ist. Brian Stableford Beitrag über »Proto-Science-Fiction« in Clutes und Nicholls’ Encyclopedia of Science Fiction, konzentriert sich z. B. auf diesen Teil des Buchs: »Einige Satiren bezogen sich auch auf das zeitgenössische wissenschaftliche Streben, insbesondere der dritte Teil von Jonathan Swifts Gullivers Reisen, der einige Techniken des formalen Realismus aufnimmt, die mit frühen Romanen in Verbindung gebracht werden« (Clute und Nicholls, S. 965). Es ist nicht schwer zu verstehen, warum das so ist. Gullivers Schiff wird von Piraten aufgebracht, und er wird in einem Beiboot ausgesetzt. Schließlich erreicht er Festland. Dort beobachtet er »einen großen undurchsichtigen Körper zwischen mir und der Sonne«, eine fliegende Insel »mit flachem und glattem Boden, der durch den Reflex der See einen sehr hellen Schein warf« (Swift, Reisen, S. 257-258), »7837 Ellen oder vier und eine halbe Meile im Durchmesser« (Swift, Reisen, S. 274). Er wird von der fliegenden Insel an Bord genommen und stellt fest, dass sie von einer Kultur bewohnt wird, die aus Wissenschaftlern besteht. Diese sind ihrer spekulativen Astronomie so sehr verfallen, dass sie den Bezug zur Realität verloren haben. Sie können nur miteinander reden, wenn Diener, »Klatscher« genannt, ihre Münder mit kleinen Blasen schlagen, und nur zuhören, wenn die Klatscher ihre Ohren anstoßen. Ihre wissenschaftlichen Studien verursachen den Laputern große Unruhe:

»Ihre Furcht beruht auf Veränderungen, die sie in betreff der Himmelskörper besorgen; zum Beispiel die Erde müsse zuletzt von der Sonne absorbiert und verschlungen werden, da letztere ihr fortwährend immer näher rücke; die Oberfläche der Sonne werde zuletzt durch ihre Effluvien inkrustiert und könne alsdann die Welt nicht mehr erleuchten; kürzlich sei die Erde kaum dem Untergange durch den Schwanz eines Kometen entgangen, der sie unfehlbar in Asche verwandelt haben würde;« (Swift, Reisen, S. 269)

Zugleich sind ihre Häuser schlecht gebaut, und ihre Ehefrauen haben Sex mit Fremden. Als Satire auf eine bestimmte Art von Intelligenz ist der Einfall, die Tendenz von Denkern, ihren »Kopf in den Wolken zu haben«, zu veräußerlichen, indem man sich eine Stadt vorstellt, die wortwörtlich im Himmel schwebt, deutlich genug. Aber Swift gibt sich große Mühe, seine phantastische Insel rational zu erklären. Ihr Flugmechanismus ist ein »Magnetstein [...], welcher an Gestalt einem Weberschiff ähnlich ist. Er beträgt sechs Ellen in der Länge, der dickste Teil misst wenigstens drei Ellen. Dieser Magnet wird durch eine starke diamantene Achse gehalten, welche durch seine Mitte geht und um die er drehbar ist;« (Swift, Reisen, S. 275). Swift erklärt uns, dass die Insel Balnibarbi, über der Laputa fliegt, aus einem speziellen Gestein besteht, von dem der Magnetstein je nach Ausrichtung angezogen oder abgestoßen wird:

»Richtet man den Magnet in die Höhe, so dass die anziehende Kraft der Erde zugerichtet ist, so senkt sich die Insel; richtet man das abstoßende Ende nach unten, so steigt die Insel; erhält der Stein eine schräge Richtung, so bewegt sich die Insel in derselben Weise. [...] Man muss jedoch bemerken, dass diese Insel sich nicht über das untere Königreich hinausbewegen und auch nicht viel höher als vier Meilen steigen kann.« (Swift, Reisen, S. 276-277)

Das ist eine vernünftige, aus der damals neuen Wissenschaft des Magnetismus abgeleitete Vorstellung, auch wenn der Energieaufwand für ein magnetisches Feld, dass groß genug wäre, um eine ganze Insel zu tragen, ungeheuerlich groß wäre. Und Swifts Behauptung, dass, wenn »der Magnet mit dem Horizont parallel« ist, die Insel stillstünde (»Da seine Enden alsdann in gleicher Entfernung von der Erde sich befinden, wirken sie mit gleicher Kraft. Das eine zieht nach oben, das andere nach unten; Somit kann keine Bewegung stattfinden« (Swift, Reisen, S. 277)), übersieht natürlich die Neigung zur Rotation, welche die Insel unter diesen Umständen hätte.

Dieses eher technisch beschriebene SF-»Novum« steht nichtsdestotrotz mit dem unterschwelligen ideologischen Faktor des Romans in Verbindung. Es ist eine einfallsreiche Übertragung vom »Schiff auf hoher See«, jener »hölzernen Welt«, die auf ihrer Reise eine ganze Gesellschaft mit sich trägt. Einmal mehr ist es eine bildhafte Figur, die Gullivers Wesen definiert und die der imaginativen Logik der Welt eingeschrieben ist, die er bereist. Ebenso wie die westlichen imperialistischen Nationen ihre Schiffe benutzt haben, um andere Länder zu unterwerfen, nutzen die Laputer die Beweglichkeit ihrer Insel, um Gehorsam zu erzwingen - zuerst, indem sie sie über einer rebellischen Stadt schweben lassen, »wodurch [...] die Einwohner des Sonnenscheins und des Regens beraubt« werden, dann »lässt der König als das schärfste Mittel ihnen die Insel auf den Kopf fallen, wodurch sowohl Häuser als auch Menschen vernichtet werden« (Swift, Reisen, S. 279).

Das absurde und lächerliche wissenschaftliche Streben der Laputer ist einer der wichtigsten Aspekte von Swifts Satire. Wie längst festgestellt wurde, unterscheidet Swift strikt zwischen nützlicher Wissenschaft, die immer die angewandte ist, und »nutzloser« und sogar absurder theoretischer Arbeit, wie der, die von den Laputern betrieben wird. In Marjorie Hope Nicholsons Worten kommt es in Swifts Satire in erster Linie darauf an, dass »die Laputier sich mit der Theorie beschäftigen, nicht mit der Anwendung« ihrer Studien (Nicholson, S. 123). Wenn man aus Reisen in einige ferngelegene Länder der Erde unbedingt eine Moral ziehen muss, könnte es die sein, die vom König von Brobdingnag folgendermaßen zusammengefasst wird:

»Alsdann sprach er seine Meinung aus, derjenige, welcher bewirke, dass zwei Kornähren oder zwei Grashalme mehr auf irgendeinem Boden wüchsen, erwerbe sich ein größeres Verdienst um die Menschheit und erweise seinem Vaterlande einen bedeutenderen Dienst als das ganze Geschlecht der Politiker.« (Swift, Reisen, S. 224)

Aber in diesem Zusammenhang durchzieht ein Widerspruch Swifts Darstellung von Laputa. Wir werden dazu eingeladen, dem Bibelzitat »an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen« nachzugehen. So betrachtet verbessert die theoretische Wissenschaft der Laputer kaum das Los des Großteils ihrer Untertanen. »Nie hatte ich ein so schlecht bebautes Land, so schlecht angelegte und erhaltene Häuser oder auch ein Volk erblickt, dessen Antlitz und Äußeres so viel Elend und Mangel ausdrücke« (Swift, Reisen, S. 286). Und dennoch ist man als Leser zwangsläufig beeindruckt von der Aufsehen erregenden technischen Errungenschaft einer voll funktionsfähigen, mechanischen fliegenden Insel. In diesem Zusammenhang beweisen die Laputer ihre Kunstfertigkeit sowohl in angewandter als auch in theoretischer Wissenschaft. Für sich genommen stellt die Insel nicht den wissenschaftlichen Bankrott der laputischen Lebensart dar (denn eine solcherart bankrotte Kultur wäre gar nicht erst in der Lage, diese Insel zu konstruieren oder funktionsfähig zu erhalten), sondern den finanziellen Bankrott, den das Aufrechterhalten einer so außerordentlichen militärischen Präsenz zwangsläufig mit sich bringt. Wird das Ganze ins Allegorische übersetzt, dann ist die fliegende Insel eine phantastische Extrapolation der britischen Flotte, die ein besonders teurer Bestandteil jenes stehenden Heeres ist, dass vom Tory Swift abgelehnt wurde.

Solche Allegorisierungen sind natürlich eine grundsätzlich suspekte kritische Strategie. Im Roman steckt sehr viel mehr, als eine derart eindimensionale Interpretation erkennen lässt. Swift sieht diese Art des reduktiven Lesens sogar als »codiertes Lesen« voraus: Die paranoide politische Klasse von Laputa ist nämlich fasziniert von »Akrostichen und Anagrammen«:

»Erstens können sie aus allen Anfangsbuchstaben eine politische Bedeutung dechiffrieren. So soll N. eine politische Verschwörung, B. ein Kavallerieregiment, L. eine Flotte zur See bedeuten.« (Swift, Reisen, S. 317-318)

Aber selbst dieser Witz spielt in das Bild hinein und militarisiert die Begriffe von Reisen in einige ferngelegene Länder der Erde: ein Handlungsfaden [engl. »plot«, was auch »politische Verschwörung« bedeutet – Anm. d. Ü.], der die wissenschaftliche Logik einer »Flotte zur See« verdinglicht und auf die Pferdegemeinschaft der Houyhnhnms im vierten Teil zusteuert. Das bedeutet, dass es eine unumgehbare, wenn auch oft verschüttete ideologische Komponente in Swifts Extrapolation der Navigation zur See gibt, die schließlich die zeitgemäße Wissenschaft seiner Fiktion ist.

Wie ich schon zu Beginn dieses Essays festgestellt habe, konnte Amis nicht der Versuchung widerstehen, Swifts Werk mit Maßstäben der SF zu messen: So erklärt er sich die Lilliputaner durch »genetische Mikrochirurgie« und die Brobdingnagier durch »Mutation«. Doch selbst diese weitreichenden Annahmen erklären nur wenig. Nicht nur, dass die Brobdingnagier zwölfmal so groß sind wie wir, und dass auch ihre Fauna und Flora entsprechend proportioniert ist. Alles in Brobdingnag hat diesen Maßstab, von der Landschaft bis zum Wetter. »Die Natur beobachtet dort in allen ihren Wirkungen dasselbe Verhältnis, und somit ist ein Hagelkorn in Brobdingnag achtzehnhundertmal so groß als ein europäisches« (Swift, Reisen, S. 190). Es ist offensichtlich, dass nicht einfach die Individuen dort anders sind, sondern ihre gesamte Umgebung. Das wiederum weist uns darauf hin, in welcher Weise Swifts Wissenschaftsverständnis seine phantasievollen Vorstellungen trägt. Der Motor, der die von Swift erforschten Unterschiede hervorbringt, ist seinem logischen Verständnis des Universums zufolge die Vorsehung. Selbst eine so technische Anomalität wie die laputische fliegende Insel basiert schicksalhaft auf dem Land Balnibari und seinem unspezifizierten »Mineral im Erdboden«, mit dem der Magnetstein interagieren kann. Wie viele andere würde Amis wohl nicht der Behauptung zustimmen, dass die »Vorsehung« einen Platz in der »Wissenschaft« als solcher hat, aber in Swifts Tory-Welt ist die Vorsehung eine aktive Naturgewalt, die Lebewesen und Gesellschaften zu ihren ganz eigenen Zwecken organisiert und zeigt. Die Navigation erlaubt es den Europäern, in der Welt umherzureisen und den vorherbestimmten Riesen und Winzlingen zu begegnen, die fliegenden Inseln und die sprechenden Pferde zu entdecken, so dass die Moral dieser wissenschaftlichen Fiktion des 18. Jahrhunderts vor der Leserschaft ausgebreitet werden kann.

Das englische Original dieses Textes finden Sie unter:
www.thealienonline.net/columns/rcsf_swift_apr02.asp?tid=7&scid=55&iid=558

© 2002 Adam Roberts mit freundlicher Genehmigung des Autors
Übersetzung © 2002 Jakob Schmidt


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Bibliographie

  • Aldiss, Brian, mit David Wingrove, Trillion Year Spree: The History of Science Fiction (London: Gollancz 1986)
  • Amis, Kingsley (Hrsg.), The Golden Age of Science Fiction (Harmondsworth: Penguin 1981)
  • Baines, Paul, '»Able Mechanick«: The Life and Adventures of Peter Wilkins and the Eighteenth-Century Fantastic Voyage', in David Seed (Hrsg.), Anticipations: Essays on Early Science Fiction and its Precursors (Liverpool: Liverpool University Press 1995), 1-25
  • Clute, John und Peter Nicholls, Encyclopedia of Science Fiction (2nd ed., London: Orbit 1993) Bestellen
  • Erskine-Hill, Howard, Jonathan Swift: Gulliver's Travels (Cambridge: Cambridge University Press 1993)
  • Eagleton, Terry, 'Ecriture and Eighteenth-Century Fiction', in Literature, Society and the Sociology of Literature (hrsg. von Francis Barker et al., Colchester 1980), 55-58
  • Nicholson, Marjorie Hope, Science and Imagination (Cornell University Press 1956)
  • Ross, Angus and David Woolley (eds), Jonathan Swift (Oxford: Oxford University Press 1984)
  • Swift, Jonathan, Gullivers Reisen (Diogenes Verlag: Zürich, 1993, aus dem Englischen von Franz Kottenkamp) Bestellen

[Alle Zitate aus Gullivers Reisen folgen der genannten Übersetzung von Franz Kottenkamp. Alle Zitate anderer Autoren sind nach dem englischen Originaltext dieses Essays übersetzt. - Anm. d. Ü.]

Siehe auch
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21.05.06 • 10.06.06