| Szenisches Bild | Personen | Ort der Handlung |
|---|---|---|
| Vorspiel | Delila, Simson, Fürst, Philister, Bäcker | Nirgendwo-Schatten |
| 1 Bild | Stimmen | Zwischenreich-abstrakt |
| 2 Bild | Nina, Manes | Wohnstube |
| 3 Bild | Lastträger, Weib, Greis, Chöre, Stimmen | Nirgendwo-abstrakt |
| 4 Bild | Nina, Werach | Wohnstube |
| 5 Bild | Manes, Hausierer, Rektor | Schule, Treppe |
| 6 Bild | Barbier, Manes | Barbiersalon |
| 7 Bild | Nina, Manes | Wohnstube |
| 8 Bild | Stimmen | dunkler Korridor |
| 9 Bild | Ausrufer, Lastträger, Tod, eine Alte, Chöre Stimmen | Fischauktion, gerahmt von wogendem Schlafleib dunkler Korridor |
| 10 Bild | Manes, Stimmen aus dem Publikum | Meerhafter Spiegel |
| 11 Bild | Hausierer, Manes, Stimme | dunkler Korridor |
| 12 Bild | Nina, Feuerwehrmann | Wohnstube |
| 13 Bild | eine Alte, Auktionator | Meerlandschaft, Gewitterwolke |
| 14 Bild | Manes, Kind | Meerlandschaft, Gewitterwolke |
| Referenz | Wort | Lemma | Synonym |
| V_1_R_25 | Haupt | Haupt | Kopf |
| V_1_DELILA_39 | Zieht | ausziehen | weggehen |
| V_1_DELILA_40 | die | der,die,das | |
| V_1_DELILA_4 | Sonne | Sonne | Sonne |
| V_1_DELILA_42 | aus | *ausziehen | |
| V_1_DELILA_4 | seufzen | seufzen | klagen |
| V_1_DELILA_49 | Asche | Asche | Staub |
| V_1_DELILA_83 | Kopf | Kopf | Kopf |
| V_1_DELILA_87 | Brenne | brennen | brennen |
| V_1_DELILA_92 | versengt | versengen | brennen |
Die Bezüge zur biblischen Simson
Erzählung (Ri 13-16)
Der Zusammenhang mit der biblischen Erzählung von Simson klingt bereits
im Titel der szenischen Dichtung an. Simson, ein israelitischer Held, tritt aus der fernen
Vergangenheit heraus und fällt in, oder durch unsere Zeit.
Die zahlreichen Verbindungen zur biblischen Erzählung bieten eine
Leitlinie, die es ermöglicht, die
zahlreichen Geschehen und Reflexionen in einem Zusammenhang zu lesen
Der Schwerpunkt der biblischen Erzählung von Simson (Ri 13-16), liegt in seinen
Auseinandersetzungen mit den Philistern. Diese Kämpfe zeichnen Simson
als einen übermenschlich starken, aufbrausenden, jedoch in seinem
Wesen direkten
Menschen, der mit einem ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit
ausgestattet ist. Seine
Gegenspieler, die Philister, hingegen, verstehen sich auf List, sie suchen
die Schwachstellen
in Simsons Umgebung, um ihn zu überwinden. Diese Grundelemente der
Handlung finden
in der Bibel bereits eine Deutung. Hinter Simsons Auseinandersetzungen mit
den Philistern steht das rettende Eingreifen Gottes zugunsten Israels
durch diesen auserwählten
Mann. In Form von Erzählerkommentaren wird diese Interpretation immer
wieder den
LeserInnen vermittelt.
Wie fast alle biblischen Erzählungen schildern auch diese Texte die
Ereignisse sehr
knapp und lassen viele Leerstellen offen, die von den LeserInnen je ergänzt
werden müssen.
Vor allem in Hinblick auf die Beziehungen Simsons zu anderen Menschen
sowie zu Gott
begnügen sich die biblischen Schilderungen mit der Andeutung einer
Rahmenhandlung, während
die Gefühlsebene fast vollkommen fehlt. Diese Leerstellen bieten dann
auch vorrangig die Freiräume
und Ausgestaltungsmöglichkeiten für eine literarische
Verarbeitung des Stoffes
Der Vergleich des biblischen Textes mit der szenischen Dichtung von Nelly
Sachs beginnt wieder auf der Ebene der Wörter.
Ähnlich wie zuerst bei den intratextuellen Zusammenhängen werden
nun beide Texte miteinander
verglichen und die Übereinstimmungen aufgelistet.
Die folgende Grafik gibt einen Überblick über die
Häufigkeit der wichtigsten gemeinsamen
Wortfelder des biblischen und literarischen Textes.
Von der Anzahl der in den einzelnen szenischen Bildern aufgenommenen
Wortfelder zeigen sich große Unterschiede, wobei die erste
Hälfte der szenischen
Dichtung deutlich mehr übereinstimmenden Wortfelder aufweist als die zweite Hälfte.
Berücksichtigt man
zusätzlich noch die Häufigkeit, mit der die einzelnen Wortfelder
auftreten, so tritt dieser Unterschied noch etwas deutlicher hervor. Das
Schicksal Simons verschmilzt immer mehr mit dem des Manes und lockert dabei
die Rückbindung an die biblische Sprachwelt, führt in
anderen Bildern weiter.
Wie sich die Bezüge auf die einzelnen Wortfelder verteilen zeigt die
nächste Grafik:
Diese Verteilung der Wortfelder im Text zeigt deutlich, daß der Text dadurch
strukturiert wird.
Verbindende Funktion haben vor allem jene Wortfelder, die den Text
regelmäßig durchziehen
oder Inklusionen bilden, so z.B. "Sonne, Feuer, Löwe, Kind,
Liebe, Tod" während
andere Wortfelder nur einen Abschnitt des literarischen Werkes prägen,
z.B. "Kraft, fesseln".
Die meisten der Wortfelder werden bereits im
Vorspiel eingeführt und in
den einzelnen szenischen Bildern wieder aufgenommen. Dabei bilden sie
selten feste
Anknüpfungen, es sind meist assoziative Entsprechungen, angedeutete
Parallelen, die
die LeserInnen auffordern, die Beziehungen herzustellen.
Die überaus dichte lyrische Sprache bringt kaum zufällige
Verwendungen von Wortfeldern,
selbst wenn ein sprachliches Bild in einer sprichwörtlichen
Redewendung aufgegriffen
wird, legt sich das Assoziationsfeld des gesamten Bildes nahe.
"Was reden Sie da--Ihre Stimme klingt so schwachDieser Besuch beim Barbier erweist sich im 7. Bild dann deutlich als Akt der Entkräftung, Manes verzichtet auf Ninas Wunsch hin auf seine Kraft. (text6)
Wenn ich recht verstehe wollen Sie Ihrer Frau die
abgeschnittenen Haare schenken--" (211)
LASTTRÄGER
Er macht mit der Hand eine Bewegung des Haarschneidens:
Deine Schürze ist blutig
vom Schweigen der Fische--
ALTE
Alles Schweigen blutet-- (222)
AUSRUFERSTIMME
Nun reiße ich die Verbindung ab
hing nur an einem Haar (224)
Innerhalb des Bildes der Entkräftung fügt sich auch dieser kurze Ausruf ein, nicht nur sprichwörtlicher sondern auch "wörtlich" Gebrauch im Sinne der Bildwelt der szenischen Dichtung, die Haare sind Simsons Verbindung zu seiner Stärke, seinem Gott.
Binden mit Stricken
Auch dieses Bild ist bereits in der biblischen Erzählung eng verknüpft mit der Überwindung Simsons, vor allem mit den verschiedenen Versuchen, ihn zu bezwingen (Ri15,9ff; 16,4ff).
Dieses Geschehen findet bereits Eingang in das Vorspiel und wird später im 5. szenischen Bild, im Dialog des Hausierers mit Manes, erneut aufgegriffen. Ähnlich wie bei den Versuchen in der biblischen Erzählung, Simson zu bezwingen, geht es hier um die Frage, ob Manes die Stricke des Hausierers zerreißen kann.MANES
Er befühlt die Stricke:
Möchte wohl mal probieren, ob die so unzerreißbar sind.
Knote mir die Hände gut - Wir wollen sehn - (207)
Während im 5. Bild nicht berichtet wird, wie dieser Versuch endet, findet sich später im 7. Bild rückblickend ein Hinweis darauf. Manes versucht das Vertrauen Ninas wieder zu erlangen und ihr die zerrissenen Stricke zu erklären:
Laß dir doch nicht Angst machen von zerrissenen Stricken
Das sind so dumme Kunststückchen aus Straßenstaub
gemacht (216)
Die übertragene Bedeutung von binden und gebunden sein, angewandt auf den zwischenmenschlichen Bereich, kommt im 7. Bild zur Sprache. Was in der biblischen Erzählung angedeutet wird, als Delila Simson darum bittet, sich ihr anzuvertrauen, d.h. auch sich an sie zu binden, wird im 7. Bild explizit reflektiert. Wie Simson entscheidet sich auch Manes dafür, sich der Frau anzuvertrauen, sich "binden" zu lassen.
Eine noch allgemeinere Reflexion findet sich bereits im 3. Bild, hier wird im sprachlichen Bild von Knoten schlingen und lösen, Sinn und Zweifel des Lebensweges angedeutet.(text7)
Angeln
Dieses Bild der Entkräftung, Überwältigung ist eng verbunden mit dem Bild der Fische - der Opfer. Bereits im Vorspiel benennt Delila ihre Handlung in diesem Bild: "mit Angeln ziehe ich die Kraft aus deinem Haupt" (187) und stellt so die Verbindung zur Entkräftung explizit her.
Verstärkt aufgenommen wird "angeln" dann im 9. Bild, im Bild der Fischauktion. Hier lautet bereits die Regieanweisung "ein Schattenbild im Hintergrund, wo ein Köder (Manes) am Angelhaken ins Wasser geworfen wird", und auch bei der Beschreibung der Opfer wird das Angeln angesprochen: "diesen Dorschkopf .... wurde geangelt mit dem Dorn der Erinnerung" (222)
Bild der unbeherrschten Kraft
Aus der Entkräftung folgt in der Bildersprache der szenischen Dichtung nicht nur ein kraftloser Zustand, es wird auch eine nun ihres Zusammenhangs entrissene Kraft freigesetzt, die unbeherrschbar ist.
Zu diesem Bild zählen die Wortfelder: Feuer, fallen, Bienen
Feuer
Im biblischen Text ist Feuer eine Bedrohung, eine von Menschen eingesetzte Waffe - Simson verbrennt die Felder der Philister, diese verbrennen seinen Schwiegervater, seine Frau, deren Haus (Ri 15). Von einer Feuerkatastrophe wird auch in der szenischen Dichtung berichtet, es ist Manes, der 37 Kinder aus dem brennenden Schulhaus rettet. Neben dieser reellen Dimension des Feuers, das verzehrt und immer zu einem gewissen Grad unbeherrschbar ist, kommt in der szenischen Dichtung eine symbolische Dimension hinzu.
Im Vorspiel sind es die Haare Simson, die, nachdem Delila sie abgeschnitten hat und sie sich für Gold aufwiegen lassen will, von selber zu brennen beginnen und sogar noch Delila in Brand setzen(Vorspiel, 190).
Besonders deutlich wird der Aspekt des Verzehrtwerdens wird im abstrakten 3. Bild. Der Lebenszustand einer jungen Frau, vor dem sie flieht, wird als "brennen" beschrieben. (text8)
Ebenso sagt Nina gleich im nächsten szenischen Bild von sich selbst "Ach - wie ich brenne - " (205) In dieser Verwendung reicht das Bild nah an die Bilder der Sehnsucht heran, das verzehrende Brennen ist die negative Kehrseite der Sehnsucht, zugleich eine unbeherrschbare Begleiterscheinung des Schwach-seins.
Verstärkt ist dieser unkontrollierbar Zustand in Manes vorhanden, seinen unbeherrschbaren Zustand beschreibt Nina folgendermaßen:
"Seitdem er die sechste Klasse aus der Feuersbrunst rettete
37 Kinder--alle herumirrend wie die Wespen--
seitdem schlagen ihm die Flammen aus dem Kopf.
Seine Riesenkraft sitzt nun in seinem Kopf" (203)
fallen
Bereits im Titel der szenischen Dichtung findet sich der Hinweis auf "fallen". Am Ende des ersten Bildes, im Anschluß an die Reflexionen, beginnt dieser Fall:
STIMME die einmal Simson gehörte:
Ich falle--ich falle
Jahrtausendbäume biegen sich
mit Sonnenlaub--
Ich falle durch Schlafwasser
Mein Leib ist nur ein Blitz--ein Schrei . . . (193)
Damit wird angezeigt, daß dieses Schicksal Simsons weitergeht, durch die Zeiten hindurch. Das Fallen wird in den weiteren szenischen Bildern zum Schicksal des Manes, das in seiner Krankeheit, der Fallsucht, zum Ausdruck kommt. Unbeherrschbar und unberechenbar überkommen Manes diese Absencen.
So beschreibt auch Nina diese Krankheit:
NINA
...Wenn's noch eine andere Krankheit wäre,
so eine reelle--Lungen--Nieren--Herz--Blinddarm, das
ist zu operieren--
aber Fallsucht--
da ist keine Ordnung drin (4 Bild, 201f)
Was lange wie eine unüberwindbare Behinderung aussieht, versucht der Hausierer im 11. Bild
nutzbar zu machen, er will Manes in einem Zirkus unterbringen, und das "Fallen" in einer geplanten Show ausnutzen.
Auch wenn dieser Vorschlag ungenutzt bleibt, hier zeigt sich erstmals die Möglichkeit einer Wende: vom passiven Fallens hin zu einer aktiven, geplanten Tätigkeit.HAUSIERER
Du bist gar nicht krank Manes--das bißchen Verrücktheit
findet guten Platz auf einem Elefantenrücken. Sie legen sich
auf einen Wink und du fällst auf eine Gewitterwolke nicht
viel härter jedenfalls. Das Publikum aber stirbt vor Begeisterung .... (11 Bild, 230)
Bienen
In der biblischen Erzählung entwickelt sich im Kadaver des von Simson erschlagengen Löwen ein Bienenvolk, eine zahllose Menge.
Im Bild der Bienen wird neben der unberrschbaren Menge der "Bienen" mit ihrem Produkt, dem Honig, der vielleicht einzige Ertrag der Entkräftung angedeutet. Bereits Simson nahm sich vom Honig aus dem Löwenkadaver (Ri 14,5-9), darauf verweist Delila im Vorspiel der szenischen Dichtung. Mit Bezug auf die biblische Erzählung wird jedoch deutlich, daß dieser Honig, der aus dem unreinen Kadaver stammt, nicht unbedingt positiv zu bewerten ist, zumal er streng genommen für den biblischen Simson, als Nasiräer, unantastbar sein hätte müssen. Es bleibt ein fragwürdiger Ertrag. Darauf wird im 3. Bild angespielt:
Bienen-Waben bilden
Summen - Summen -
Honig produzieren aus Wunden (3 Bild, 200)
und im 13. Bild steht der Honig, ähnlich den Fischen, als abstrakter Ertrag dem unstillbaren Hunger der "Weltgeschichte" zur Verfügung.
Bild der Schwäche, des Besiegt-seins
Zu diesem Bild gehören die Wortfelder Tod, Nacht, vergessen, Fisch
sowie das Bild der ausgebreiteten Arme.
Die Verteilung der Wortfelder zeigt, daß der Schwerpunkt der Bilder der Schwäche in den abstrakten szenischne Bildern, Bild 3 und 9, liegt. In diesen Bildern wird das Schicksal Simsons, aber auch das der Opfer allgemein, verstärkt reflektiert.Nacht
Nacht steht für das Schicksal Simson, Nacht ist der Bereich, in den er von Delila gestürzt wird, der ihn umschließt. In der biblischen Erzählung kommt dies mit dem "Blenden" Simsons zur Sprache (Ri 16,21), der besiegte Simson ist schwach und blind. Ein Anklang an das Blind-sein findet sich in der Reflexion des 9. Bildes, hier ist es "ein Dorschkopf mit zwei blinden Perlenaugen"(222), der die Assoziation zu Simson entstehen läßt.
Im Vorspiel wird der Zusammenhang zwischen der Auslieferung Simsons durch Delila und der Nacht als Bereich seines Besiegtseins explizit deutlich gemacht im einzigen Zitat, das die szenische Dichtung dem Bibeltext entnimmt."Philister über Dir" ruft Delila dreieimal aus, beim drittenmal fügt sie noch hinzu "Nacht über dich"(187) Diese Nacht wird im folgenden verknüpft mit einer materiellen Vorstellung "ein Stück aus seiner Nacht hat mich getroffen" - schreit ein Kriegsknecht im Vorspiel.
Für Manes ist die Nacht sein Lebensbereich, der sich ihm nur manchmal öffnet: "Die Wände der Nacht weichen zurück--" (5Bild, 208), oder Nina beschreibt, wie Manes mit " ausgebreiteten Armen in die Nacht" (4 Bild, 203) fällt.
Vergessen
Auch dieses Wortfeld ist deutlich mit einer Variation des bereits oben genannten Zitats an dieses bild angeschlossen: "Vergessen über dir" (9 Bild, 224). Vergessen ist der letzte Bereich des Besiegtseins, ausgelöscht sein selbst aus der Erinnerung.
Bei der abstrakten, verallgemeinernden Reflexion des 9. Bildes, des Fischmarktes, werden entsprechend "verweinte Mäuler aus dem Meer der Vergessenheit"(220) zum Verkauf angeboten.
Fisch
Fische finden sich als Bild für die Opfer vor allem im 9. Bild, dann erneut im 13. Bild. Eng damit verbunden ist die Figur einer Alten, die zusammen mit ihrem Kätzchen durch die Zeit schreitet, sie je kommentiert, und die die Opfer - die Fische - immer ihrer Katze als Futter gibt. Diese Szene deutet nur an, wieviel an stets gleichbleibendem Leid sich im Lauf der Geschichte ständig wiederholt.
EINE ALTE humpelt, von einer Katze gefolgt, der sie
Fischköpfe gibt:
Friß mein Kätzlein, friß
Meine Schürze ist blutig
vom Schweigen der Fische
Alles Schweigen blutet-- (221)
die ausgebreiteten Arme
Ausgebreitete Arme finden sich fast ausschließlich als Beschreibung einer Körperhaltung, meist in den Regieanweisungen: eine Gestalt liegt am Boden, mit ausgebreiteten Armen. (text9)
Der explizite Verweis zu "gekreuzigt" wird erstmals im 4. Bild von Nina hergestellt:
NINA nachdenklich:
... fällt mit ausgebreiteten Armen in die Nacht
gekreuzigt von der Luft
speit Schaum aus unsichtbarem Meer
Augen einem anderen Himmel zugedreht-- (203)
und noch einmal im 10. Bild von Manes in einer Gestik, die als "Gekreuzigt" beschrieben.
Hier gehen die biblischen Assoziationen über den Text von Ri 13-16 hinaus und weisen auf Jesus als eines der Opfer.
Im 14. Bild allerdings wird dieselbe Gestik auch aktiv verwendet. Mit ausgebreiteten Armen ruht Manes auf einer Gewitterwolke und greift nach den Blitzen (237), die Passivität ist hier am Ende überwunden. Ganz ähnlich der biblischen Erzählung, Ri 16,29f, als Simson zwischen den Säulen des Tempels stehend, sich mit seinen Armen rechts und links gegen diese stemmt und zum Einsturz bringt.
Bild der Sehnsucht und der Hoffnung
Dieses Bild schließt den Zyklus und bildet einen Gegenpunkt zu den Bildern des Besiegtwerden und der Niederlage. Zumindest in der Sehnsucht gibt es eine Rückkehr zu den Bildern der Stärke und Einheit.
Zu den Bildern der Sehnsucht und der Hoffnung gehört die Suche nach Identität, das Wortfeld Liebe, erinnern, die Hoffnung auf ein Kind und die Suche nach Gott.
Suche nach Identität
Die Suche nach Identität wird gebildet von den Wortfeldern: fragen, Spiegel
Am Beginn der szenischen Dichtung werden vor allem Fragen an die Identität Simsons gestellt.DELILA
O diese Finger,
dieser rätselhafte Leib
an den ich Fragen stellte wie an einen Toten
der niemals Antwort gibt-- (Vorspiel, 188)
Die Reflexion Delilas im 1. Bild steht in diesem Zusammenhang, weitet das Objekt des Fragens jedoch noch weiter aus.
FRAUENSTIMME die einmal Delila war:
Eigentlich wollte ich nur das Weltall ein bißchen anritzen
mit meiner Fragerei, eine Luke aufkratzen
denn die Neugier plagte mich arg--hinter die Kraft zu gucken--
Was sah ich--Schwäche--Asche-- Krähenfutter- (1 Bild, 191)
Ebenso wie an Simson werden an Manes wegen seiner Andersartigkeit häufig Fragen gestellt. Auch sein Handeln, sein Wesen scheint der Umgebung rätselhaft zu sein. Werach (4 Bild), der Hausierer, der Rektor (5 Bild), sie alle versuchen sich ein Bild von Manes zu machen.
Das Wortfeld Spiegel reiht sich in dieses Bildfeld ein, die Reflexion im Spiegel ermöglicht es den BetrachterInnen, sich selbst zu erkennen. Besonders deutlich wird dies erneut im Vorspiel, als Simson in einer Kupferscheibe sein Spiegelbild erblickt und dadurch seine neue - schwache - Identität erkennt.
DELILA
Sieh dich in der Kupferscheibe an !
SIMSON
Träume ich--kahl--bin ich mein eigner Urahn schon
geworden? (188)
Das eigene Spiegelbild wird am Ende der szenischen Dichtung im 12. Bild für Nina wichtig. Es bildet eine Stück ihrer Identität, von der sie sich verabschieden will.
FEUERWEHRMANN
Zögern Sie doch nicht--Laß fahren Lieb laß fahren--
Was--auch noch dem Spiegelbild Gute Nacht sagen (233)
Verstärkt aufgenommen wird das Bild des Spiegels im 10. Bild, hier fordert bereits die Regieanweisung: Bühnenbild: Nichts als spiegelnde Fläche. Meerhafter Spiegel.
Manes, mit dem Rücken gegen den Zuschauerraum, sieht die Zuschauer gleichsam hervorwachsen im Spiegel. "
In diesem szenischen Bild ist es Manes, der Fragen an die Zuschauer stellt, der deren Identität aufdeckt, erst am Ende wird dieses Rollenverhältnis durch eine Anfrage aus dem Zuschauerraum wieder geändert, und erneut steht die Identität Manes in Frage:
GREIS aus dem Publikum:
Mein Herr, Sie werfen hier Fragebomben
gerade ins Angesicht des Publikums.
Ich aber frage Sie:
Haben Sie einmal daran gedacht
daß David doch der Liebling seines Herrn war
trotz der Uria-Geschichte
trotzdem er begehrte das Weib seines Nachbarn
Sie gebar ihm dazu noch Salomon--
auf diesem Zweig sang das Christkind--
Aber Sie--Sie sind wahrscheinlich nicht
der Liebling Ihres Herrn
Fallfrucht--ha--ha-- (228)
Mit der Erwähnung von König David und Jesus, der aus diesem Geschlecht stammt, wird Manes in Frage gestellt, wer im Vergleich dazu ist Manes? Verstärkt wird dies weiters durch die Anspielung auf das Fallen als Fallfrucht und den damit verbundenen negativen Konnotationen.
erinnern
Erinnern ist in der szenischen Dichtung keine Tätigkeit, die auf Ereignisse der nahen Vergangenheit verweist, sondern bezeichnet ein weit ausholendes Zurückgreifen in die Geschichte, es überbrückt Jahrtausende. So schildert z.B. Nina das Verhalten Manes'
NINA abwesend:
Zuweilen ist es, als rücke er Jahrtausende wie Bäume fort
schaut sich um--weit zurück-- (4 Bild, 204)
Diese Bewußtseinsentrückung ist eng verbunden mit der Fallsucht, sie markiert einen Grenzbereich der Realität, in dem sich Manes an einen Urzustand erinnert. Dieses Erinnern erweist sich als rückwärtsgerichtete Sehnsucht in der momentanen, hoffnungslosen Lebenssituation. (5. Bild)
Ähnlich zeigt sich die Situation im 8. Bild, der psychiatrischen Anstalt. Die Patienten dort teilen alle diese Art der Erinnerung, sie erinnern sich an ihre biblische Vergangenheit.
EINE STIMME
Ich bin die Posaune von Jericho
Erinnere mich ganz deutlich an den Garten Eden
das war die helle Unwissenheit--
ZITTERNDE GREISENSTIMME
...ich bin blind--Darum erinnere ich mich an Simson
drehe die Mühle-- (218)
Diese Äußerungen, die das Leben im Krankenhausalltag andeuten, gewinnen ihre Wirkung aus der Unterscheidung "verrückt - normal", die jedoch nicht lange aufrechterhalten sondern deren Relativität deutlich gemacht wird.
EINE STIMME
Arzt im weißen Rock
du willst daß wir uns an vorgestern erinnern
aber wir--wir erinnern uns an Gott-- (218)
Diese Erinnerung an den Urzustand, die Verbindung zu Gott und zu einer verlorengegangenen Einheit, ist es, die von der Gesellschaft als "verrückt" erklärt wird. aus der Perspektive der Betroffenen jedoch bezeichnet es den Zustand ihrer Sehnsucht.
Liebe
Bereits in der biblischen Erzählung fällt auf, daß - gemessen an biblischen Erzählungen - oft von der Liebe Simsons die Rede ist (Ri 14,16; 16,4.15). Unter Berufung auf seine Liebe fordern Simsons Frauen, daß er sich ihnen anvertraut, ihnen seine Geheimnisse kundtut; und jedesmal erfüllt Simson diesen Wunsch. Dies bildet einen sehr deutlichen Hinweis darauf, wie sehr Simson diese Zuneigung erstrebt. In der Darstellung der biblischen Ereignisse im Vorspiel der szenischen Dichtung verweist zwar nichts auf Liebe, in den weiteren Bildern ist Liebe jedoch ein wesentlicher Aspekt der Sehnsucht des Manes: ...es ist die Liebe um die es geht. (10 Bild, 229)
Manes ringt um die Liebe und Zuneigung Ninas, die er allerdings nicht bekommt.(text10)
Im Vergleich mit der biblischen Erzählung fällt neben der Parallele Simson-Manes auch die zwischen Delila und Nina auf: Nina ist wie Delila Zentrum des Liebens andere, Manes und Werach lieben sie, von ihr selber hingegen wird nirgends ausgesagt, daß sie liebt.
Darauf spielt m.E. auch die Anrede des Feuerwehrmanns im 12. Bild an, als alle Hoffnungen Ninas - wörtlich in der Sintflut - unterzugehen drohen:
"Zögern Sie doch nicht -- Laß fahren Lieb laß fahren --" (233 )
dies umgangssprachliche, oberflächliche Anrede drücken etwas von dem aus, was aus der geliebten Frau geworden ist.
Kind
Im Bild des Kindes kommt sehr deutlich die Sehnsucht, aber auch die Hoffnung zum Ausdruck. Dieses Bild bildet eine Inklusion: es steht am Beginn der biblischen Erzählung - jedoch zeitlich vor jenen Ereignissen, die in der szenischen Dichtung aufgenommen werden - und verstärkt am Ende der szenischen Dichtung. Die biblische Erzählung beginnt mit der fast erloschenen Hoffnung eines alternden Ehepaars; göttliches Eingreifen ist notwendig, bevor Simson geboren wird - er ist die Hoffnung und Sehnsucht seiner Eltern (Ri 13). Ähnlich wird das Kind Ninas zur Hoffnung für Manes, und dieses Kind ist es auch, das am Ende erkennt, daß Manes seine Einheit wiedergewonnen hat:
DAS KIND
Laß doch rollen Vater
Ich werf dir den Ball wieder hinauf
So spielen wir--
Mir war so langweilig im Bett
alles schwarz zugeklebt
aber du liegst in der Sonne
die geht aus deinem Kopf--rot--grün--gelb-- (14 Bild, 238)
Gott
In der biblischen Erzählung steht Gott hinter allen Geschehnissen, er ist es, der Simson lenkt, ihm seine Siege über die Feinde gewährt. Dies ist die Interpretation, die den LeserInnen in Form von kommentierenden Erklärungen immer wieder von seiten der Erzählstimme nahegelegt wird.
In der szenischen Dichtung finden sich ebenfalls zahlreiche Verweise auf Gott, jedoch gibt es kein so einheitlich, in sich geschlossenes Bild von Gott. Die zahlreichen Verweise auf ihn, lassen seine Existenz, seine Größe nur erahnen. Im Vorspiel zeigt sich Gott in Parallele zur biblischen Erzählung als naher, im Menschen Anwesender Gott. Delila verweist auf den Gott Simsons als brennbaren, versengenden Gott, als einen Gott, der seinen Sitz in Simson hat, wobei diese Einheit auch zerstört werden kann.
In den weiteren Bildern zeigt sich Gott als Geheimnis, so z.B. im 3. Bild:
STIMME AUS DER ECKE
Die Welt ist voller Zeichen.
Diagramme im Sand, Tetragramme--vier Buchstaben die
vor Geheimnis lodern. (196)
Dieser Gott bleibt jedoch nicht auf Simson noch auf Menschen beschränkt, er kann vielmehr überall sein:
CHOR DER TOTEN
Sand, Muschel, Meer
Fischblut, Fischblut
Alles Gehäuse für das Geheimnis-- (9Bild, 221)
4 Die thematischen Schwerpunkte der szenischen Bilder
Nachdem die Wortfelder und Bilder einzeln besprochen wurden, läßt sich die Frage nach dem Gesamtzusammenhang dieser szenischen Dichtung stellen. Der bereits eingeschlagene Versuch, die szenische Dichtung entlang eines Vergleichs mit dem biblischen Text zu verstehen, wird im folgenden beibehalten.
Übersicht
szenisches Bild Thema Vorspiel Delila bricht die Einheit "Simson-Gott" auf 1 Bild Reflexion der "großen" Taten 2 Bild Sehnsucht nach Leben 3 Bild Sehnsucht nach Leben 4 Bild Wer ist Manes? 5 Bild Wer ist Manes? 6 Bild Sehnsucht, Selbsthingabe 7 Bild Sehnsucht nach Leben im Widerstreit 8 Bild Erinnerung 9 Bild die Opfer 10 Bild Aktualisierung 11 Bild Aufforderung zur Zukunft 12 Bild Scheitern 13 Bild Aufforderung zur Zukunft 14 Bild wiedergefundene Einheit
Die szenische Dichtung beginnt und endet in einem Bereich jenseits der erfahrbaren Realität, diese Welt ist nur in Trance und bewußtseinsüberschreitender Erinnerung möglich. Im Vordergrund steht die Gegenwart, deren Bewältigung im Streben nach Liebe und Anerkennung, mit der Erfahrung der Enttäuschung und Auslieferung. Diese Erfahrungen werden häufig reflektiert, vor allem anhand der Parallele zur biblischen Erzählung von Simson. Nachdem das Vorspiel diesen Prätext explizit aufnimmt, setzt das 1. Bild mit den Reflexionen dazu die Geschehnisse der folgenden Bilder in Gang.
Das 2. Bild zeigt am Beispiel des Alltags von Nina ihre Unzufriedenheit und ihre Sehnsucht nach einem besseren Leben. Ausdruck ihrer Sehnsucht sind u.a. ihre Übungen, ihren Körper schön zu erhalten und begehrenswert zu sein
NINA
Sie stellt das Grammophon an:
Meine Übungen--eins und zwei und drei
Leichter werden--leichter werden--
Auf und ab... (194)
Manes hingegen scheint ohne große Hoffnung, seine Philosophie ist es, das Leben zu ertragen "manchmal glaube ich, wir müssen diesen dicken Felsen durchschmerzen - bis wir durch sind - dann tagt es" (195) Das Thema der Sehnsucht nach Leben wird im 3. Bild aufgenommen und in einer abstrakten Szene reflektiert. Inmitten einer irrealen Landschaft und Gesellschaft zeigt diese Bild eine junge Frau, die zum Leben drängt, während ein Greis alles einsetzt, seinen Weg zum Tod zu vollenden.
Das 4. Bild wechselt zurück zu Nina, sie erwartet ihren Geliebten, Werach, aber ihr Denken und Reden beschäftigt sich fast ausschließlich mit der Frage "wer ist Manes?". Werach nimmt an diesen Überlegungen nur insofern Anteil, als er ein Ziel verfolgt, er will Nina für sich, und dazu unterstützt er Nina bei ihren Überlegungen, sich von Manes zu trennen. Die Frage nach dem Wesen Manes' wird im 5. Bild fortgesetzt. Diesmal steht Manes' im Zentrum des Interesses des Hausierers sowie des Rektors, seines Vorgesetzten, für sie erscheint Manes unter dem Aspekt des Bedauerns. Der Hausierer hat Verständnis für die Krankheit, der Rektor hingegen sieht nur den großen und starken Mann, der seine Stärke nicht mehr effizient einsetzen kann
REKTOR
Ja solche Leute gibt es--hat es immer gegeben.
Aber schade um Ihren kraftvollen Körper
der anderen Dienst auf Erden tun könnte
Man sah ja was er leisten konnte unter der Feuersbrunst
Immer durch die Flammen--und wieder durch die Flammen--
Ein ganzes Heer von Helden steckt in diesem Körper (208)
Das 6. Bild zeigt die Reaktion des Manes auf die ständig erfahrene Ablehnung. Er ist darum bemüht, sich anzupassen, und somit die Zuneigung Ninas wiederzugewinnen. Während der Barbier Manes ganz als Kunden betrachtet, der "schmuck sein" will, ist es für Manes ein letzter Versuch, sich an Nina zu binden. daß dieser Versuch fehl schlägt, wird gleich anschließend im 7. Bild deutlich. Nina löst sich von Manes, sie ist entschlossen dazu. Manes sieht sein Schicksal, freiwillig gab er seine Kraft auf und erkennt sich nun schwach und ausgeliefert, ausgedrückt in einer deutlichen Anspielung an den biblischen Text:
MANES geisterzarte Stimme:
Ich wollte dir nur sagen, Nina
daß die Philister über mir sind .... (215)
In diesem szenischen Bild wird explizit ausgeführt was in der biblischen Vorlage als auch im Vorspiel ungesagt bleibt: die Erkenntnis, daß die Selbst-Aufgabe, die Preisgabe des Geheimnisses, umsonst war, das Unglück sich dadurch nicht wendet, vielmehr den Untergang erst endgültig besiegelt.
Manes fordert durch seine Nicht-Normalität seine Mitmenschen zu einer Stellungnahme auf. JedeR sieht Manes aus ihrer/seiner Perspektive und versucht eine Antwort zu finden. Diese reichen von: gefährlich, dumm (Werach) über arm und krank (Rektor), ein bißchen verrückt (Hausierer) bis hin zu schmuck und ein bißchen durcheinander (Barbier). Einig scheinen sich alle dahingehend, daß sie etwas mit Manes machen wollen, sie wollen sein Schicksal in die Hand nehmen, alle liefern ihn damit je auf ihre Weise aus.
Blickt man auf die Personen, die als Widersacher auftreten, so fällt im Unterschied zur biblischen Erzählung auf, daß die typischen Figuren der "Feinde" aufgesplittert und zu individuellen Personen ausgestaltet werden.Spricht der biblische Text noch von den Philistern, oder den Fürsten der Philister im allgemeinen, so wandelt bereits das Vorspiel der szenischen Dichtung diese in einzelne Personen: neben dem Fürst kommen z.B. auch ein Kriegsknecht und ein Bäcker vor. In den einzelnen szenischen Bildern werden diese Personen noch stärker individuell dargestellt: Werach, der Hausierer oder der Barbier erhalten als Widersacher eine je eigene Rolle. Dadurch wird die kontrastierende schwarz-weiß Zeichnung der biblischen Erzählung aufgebrochen. Auch die Widersacher werden für die LeserInnen in ihren Handlungen verstehbar, die Grenze zwischen gut und böse, richtig und falsch verschwimmt.
Wie die Auslieferung geschieht wird in der szenischen Dichtung nicht ausgeführt, das 8. Bild gewährt - räumlich und zeitlich durch eine ungewisse Ditanz getrennt - einen kurzen Einblick in eine psychiatrischen Klinik. Manes ist aus dem normalen Alltag ausgesondert, in jenen gesellschaftlich nicht geschätzten Zwischenbereich, in dem die Erinnerung übermächtig ist. Eine der Stimmen in dieser Szene deutet mit einem Bezug zum biblischen Text an, daß dieser Aufenthalt mit der Zeit der Gefangenschaft des biblischen Simsons parallel gesetzt werden kann.
ZITTERNDE GREISENSTIMME
...Ich bin blind--Darum erinnere ich mich an Simson
drehe die Mühle--siehst du so--die Luft bekommt Schläge
damit sie aufwacht--
Erinnerung mahlt--so-so-so-- (218)
Im Bild des Fischmarkts reflektiert das 9. Bild das Thema des Ausgeliefert-werdens und der Opfer. Es ist ein zeitloser, sich immer wiederholender Vorgang, die Geschichte der immer neuen Opfer.
Als Kristallisationspunkt der Reflexion taucht hier erstmals "eine Alte" auf, die scheinbar zeitlos die Ereignisse betrachtet. Sie verkörpert eine Instanz, die unverändert über den Ereignissen steht, die die Geschichte und Zeit überblicken kann. Durch diese Funktion rückt sie in die Nähe der "Erzählstimme" der biblischen Erzählung, die scheinbar "objektiv" das Geschehen kommentiert und einordnet (9,13,14 Bild).
In diesem Bild wird erstmals auch ein Ende des Zyklus' angedeutet. Mit dem Ausruf "vergessen über Dir" (224) zeichnet sich ab, daß sich das Geschehen aus der Erinnerung entzieht, und damit abgeschlossen werden kann.
Mit dem 10. Bild wechselt die Handlung plötzlich in die Gegenwart der Aufführung, und nimmt die ZuseherInnen/LeserInnen mit hinein. Manes wendet sich direkt an ein Publikum. Indem er aber nur einzelne, fiktive Personen exemplarisch anspricht, kann die Unterscheidung zwischen realem und fiktivem Geschehen von den ZuseherInnen nicht mehr eindeutig getroffen werden. Damit fällt die Distanz weg, niemand kann mehr unbeteiligte/r, neutrale/r Betrachter/in bleiben. Manes fordert Antworten und er thematisiert das Ausweichen-wollen, nicht Hinhören-wollen und nicht Beteiligt-werden am Schmerz:
MANES
Nun wollen Sie wieder alle aufstehn
O ich habe ein feines Gefühl
Unsichtbar soll die Folterung bleiben
Höchstens ihr Blut in schwarzen Zeitungsbuchstaben verfärben--
dann ist's zu ertragen--
Ich sage Ihnen im Vertrauen:
Das Salzkorn im Vergrößerungsspiegel
ist eine galoppierende Erde
die singt vor Schmerz-- (227)
Das 11. Bild kehrt zurück in die erzählte Welt des Manes, der Hausierer bietet ihm erstmals eine neue Zukunft an, eine Arbeit beim Zirkus "offenes Dach". Vergleicht man das mit der biblischen Erzählung so zeigt sich die Parallele zum Ende der Erzählung (Simson soll beim großen Fest zur Belustigung der Gäste auftreten) und verstärkt damit die Hinweise auf das Ende im 9. Bild. Doch noch ein Thema wird in diesem Bild explizit eingeführt, das Kind, und es ist allein dieses Kind, das Manes an der Rede des Hausierers wahrnimmt, darin liegt für ihn Zukunft.
Das 12. Bild wechselt zu Nina und zeigt ihre gescheiterten Hoffnungen auf eine bessere Zukunft, sie gehen in der Sintflut unter, selbst das Kind entschwindet ihr. Ninas Lebensenergie ist erschöpft, sie, die immer tänzelte, gibt auf: "Schwerer werden--schwerer werden-- (233)"
Das 13. Bild wendet sich erneut Manes zu, jenseits der erfahrbaren Realität wird ihm nun, von "der Alten" das Ende gezeigt
ALTE
Steh auf--Faulpelz
der Elefantenrücken ist schon ganz durchsichtig geworden
hast gut durchschmerzt-- (236)
Dennoch versucht Manes noch im 14. Bild dieses Ende abzuhalten, er wehrt sich, sieht keine andere Zukunft, bis ihm das Kind zeigt, daß er seine verlorengegangene Einheit bereits wiedergefunden hat.
DAS KIND
Laß doch rollen Vater
Ich werf dir den Ball wieder hinauf
So spielen wir--
Mir war so langweilig im Bett
alles schwarz zugeklebt
aber du liegst in der Sonne
die geht aus deinem Kopf--rot--grün--gelb--
Alles andere liegt schon im Grab--
Vater--an deinen Füßen hängen Würmer
Ich nehme einen mit und dazu ein bißchen Gewitter
Dann lege ich mich wieder in mein Bett
sonst glaubt die Mutter ich bin ins Meer gefallen--
Es geht.
MANES
Das ist gut--nun kann ich eingehn--eingehn
Das Kind hat einen Wurm
und ein bißchen Gewitter mitgenommen-- (238)
Zusammenfassung
Die Gestalt des Manes führt den biblischen Simson fort, als einen, der die Einheit mit seinem Gott, mit seinem Leben verloren hat, dem sein ganzes Heldentum und seine Riesenkräfte verloren gingen. Die Nacht, die ausweglose Situation in der er sich befindet ist nicht seine eigene Schuld, er wurde verraten und ausgeliefert. Es ist aber auch nicht die Schuld Delilas/Ninas, auch sie sucht nach Leben. Die biblischen Feinde werden aufgeteilt auf viele, die mit der Andersartigkeit Manes nicht zurechtkommen und die je ihren eigenen Beitrag zum Schicksal Manes beitragen.
Diese szenische Dichtung von Nelly Sachs kann als sehr sensible Interpretation der biblischen Simson Erzählung gelesen werden. Sie ist weit davon entfernt, nur einige der Leerstellen zu füllen oder eine plakative Lösung anzubieten. Vielmehr verdeutlicht sie vieles von dem, was in der Bibel offen bleibt in Bildern, die viele Assoziationen aber keine eindeutige Zuordnung erlauben, und überträgt es damit in die Welt der Lesenden.